Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte

Drei die auszogen, das Fürchten zu lernen.

»Fraktus war dazwischen, sie sagten „ja, wir machen das und auch das“«, sagt Blixa Bargeld in den ersten 10 Minuten des Films – Fraktus, das letzte Kapitel der Musikgeschichte. Es sind die besten Minuten des Films, Deutschland war wiedervereint und wollte feiern. Das ist geschichtlich gesehen der beste Ausgangspunkt, alles danach verwittert, verschleißt, verräumt sich in einer Parodie, die glaubt alles zu können und zu kennen – denn das bleibt der Film bis zum Ende – gut vernetzt, eine gute Parodie jedoch, die kann verletzen, beißen und erweist sich auch nach 20 Minuten noch als eine Full Fetch Company mit 360°. Werfen wir also einen Blick durch die asymmetrische Brille, den Ferienlager-Geist der Macher Studio Braun und das Netzwerk aus befreundeten Musikern, die alle im Koffer dabei sind, auf dem Weg nach Ibiza – die dem Witz „Fraktus“ mehr oder weniger folgen, und ihm zu dem verhelfen, was er werden soll: Ein Teil ungeschriebene Musikgeschichte. Doch was macht Geschichte eigentlich noch aus, wenn es im Film heißt, »Die Geschichte der Musik ist auserzählt, es geht nur noch um Synthesen, um Flöte und Techno.«
Dann bleibt eben auch nicht mehr, als die Synthesen, an denen der Film vehement arbeitet. Da werden Szenen immer wieder vor laufender Kamera geprobt, da wird dem unwilligen Ibiza DJ offensichtlich Geld angeboten, da sind alle plötzlich nicht mehr Diplom-Blockflötisten, sondern knallharte Netzwerker mit Sinn für Kommerz, da flimmern geteilte Hochglanz-Beach-Bikini-Bilder herein, da wackelt die Kamera immer wenn der Witz in die Hose geht, da ist man ratlos, wenn die Fans ausbleiben, um der Reunion einer gut gewollten Parodie beizuwohnen. Die ungeschriebene Musikgeschichte schreibt Fraktus leider auch nicht, wenn nur allzu förmlich alle Scheiter-Klischees von Bandzerwürfnissen auf den Plan treten: Der eine wollte Kommerz, der andere zog sich zurück, der dritte wanderte aus. Die hypnotischen Powersounds, die filmtechnisch über solche inhaltsleeren Phrasen hinweg wummern könnten, bleiben am Ende ein trauriges Medley – Sie lösen sich nicht aus dem Off, denn Fraktus sind eben irgendwie musikalisch nicht richtig Hyper Hyper, nicht ganz Radio Transmission, nicht wirklich ein Sonic Empire, und auch nicht „one two three Techno“ sondern irgendwie Thrash as Thrash can – aber auch das muß Geschichte eben können, den Müll gut aufschreiben und die Hervorbringung trefflich inszenieren bzw. parodieren, oder es eben einfach lassen.
Zu bemüht ist die Unternehmung, „Ich sach mal, summa cum laude“, eine Mockumentary über das Genre Mockumentary zu reißen, es bleibt am Ende ein sich Aufheben der Witze, in der die Kamera bloß noch zum Affen wird: sie sucht Liebe, sie sucht Halt, sie braucht Wärme, sonst bleibt sie kalt. Vielleicht ist es auch affig, eine Mockumentary über etwas zu machen, dass kein nicht-existierendes Geheimnis ist, keine Lücke in der Geschichte – sondern in echt das neue Album von Studio Braun »Best of Fraktus«. Und das will Geschichte schreiben, ohne weh zu tun – und bleibt dabei ein müder PR Gag, der in der Länge eines Musikvideos 90 mal mehr Geschichte geschrieben hätte, als diese verdammt affigen 90 Minuten auf Ibiza.

Credits

OT: „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“, D 2012, Regie: Lars Jessen, 95 Minuten
http://www.fraktus.de/ (zuletzt aufgerufen am 4.2. 2013)

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