Die Banalität des Guten

Die ARD-Degeto GmbH stellt sich auf der Internetseite der ARD so vor: „Bereits 1928 als Deutsche Gesellschaft für Ton und Film gegründet, war die Degeto von 1954 an zunächst für die Filmbeschaffung des HR zuständig. Seit 1959 sind die Landesrundfunkanstalten der ARD bzw. ihre Werbetöchter Gesellschafter der Firma.“

Man muss nicht historisch scharfsinnig sein, um zu erkennen, welche Lücke in der Vita des Konzerns klafft. Wenn von „zunächst“ die Rede ist, dann doch, weil sich das junge Unternehmen nach dem Krieg nur langsam erholte und versuchte, die Segel in den Entnazifizierungswind zu kriegen. Mit Erfolg: Über die Jahre hat sich der ehemals kleine Propaganda-Verleih zum Meinungsmonopol im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hochgewirtschaftet.

Heute produziert die ARD-Degeto Filme wie Margarethe von Trottas „Hannah Arendt – ihr Denken veränderte die Welt“, ein Film, der landesweit mit guten Kritiken gewürdigt wird. Wie kommts? Hannah Arendts Theorie ist kein Kassenschlager und verfilmbar schon gar nicht. Wie macht man daraus einen kinofüllenden Film? Margarethe von Trotta zieht sich auf den bekanntesten Abschnitt in Arendts Biografie zurück, den Eichmann Prozess in Israel. Im Laufe der darum liegenden Ereignisse von 1960 bis 1963 entwirft die Trotta ihre Film-Arendt. Der Prozess bietet dabei genügend Zündstoff und die Fronten sind verführerisch klar: Eichmann, böse, Nazideutschland versus Arendt, gut, Jüdisch-Amerika. Zwar werden diese beiden Pole nicht direkt gegeneinander ausgespielt, aber sie bilden das Kraftfeld, das fehlende Aktionen ausgleicht. Arendt verfasst ihre Schrift über die Banalität des Bösen. Im weiteren Verlauf stürzt über der Film-Arendt eine Welle der Empörung herein. Sie kann es ab, um es kurz zu machen.

Warum die Film-Arendt das folgende Argumentieren abkann ohne Publikum zu verlieren, erklärt ein Autorenkniff: Margarethe von Trotta streut permanent Zuschreibungen. „Das ist großartig“, sagt die Assistentin, „sie ist mutiger als ihr alle“, sagt die Freundin, „das ist absolut brillant“, sagt der Verleger, „sie denken, ihre Artikel sind großartig“, sagt nochmals die Assistentin. So gelingt es der von Trotta die umstrittene historische Arendt in eine positiv zu betrachtende Film-Arendt zu verwandeln, die immer Oberwasser im Lauf der Handlung behält. Egal was noch kommt, dass sie die Gute ist, steht fest.

Dieser Kniff hat zweierlei zur Folge: Erstens kann sich der Film den Widersprüchen der arendtschen Theorie widmen und ihren Gegensprechern genügend Platz einräumen. Das bringt das Prädikat der kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte ein. Zweitens, das ist der viel bessere Dreh, schafft dieses Handlungs-A-priori der unantastbar guten Film-Arendt einen neuen Allgemeinplatz deutscher Geschichte, trotz kritischer Auseinandersetzung: Die unantastbar gute historische Arendt.

So weit, so gut. Was soll an einer positiven Arendt-Rezeption schlimm sein? Nichts. Was daran schlimm ist: dass sie degeto-produzierter Konsens ist. Wenn jetzt jeder der von Trotta Glauben schenken kann und befindet, dass die Arendt ja doch eine ganz Helle war, dann untergräbt der Film genau das, was er erörtert: selbständiges Denken. Indem der Film kritikloses Einvernehmen gegenüber der historischen Arendt fordert, drängt er sie beinah aus dem Geschichtsdiskurs, macht sie zum Allgemeinplatz, zur Phrase. Die Reflexionsarbeit, die jeder einzelne leisten muss, um sich als mündig zu behaupten, wird auf dem Weg zu einem vorgefertigten Standpunkt hintergangen.

Wo dieser Standpunkt liegt, zeigt ein längerer Blick auf die Besetzung des Films. So gut ihre Interpretation der historischen Arendt auch sein mag, Barbara Sukowa verfehlt ihr Ziel zwischen den Kollegen: Axel Milberg, Ulrich Noethen und Michael Degen – hier wird der Einfluss der Degeto deutlich. Dabei ist Sukowas Darstellung wirklich gut. Es ist vielmehr dieses dreifache Besetzungsproblem, das Sukowas Spiel ad absurdum führt. Dem Portrait einer jüdischen Denkerin kann man nicht gerecht werden, umgeben von Deutsch-Stars, die deren Ratgeber sein sollen. Während sich die Film-Arendt verausgabt und erfolgreich ihre Film-Gegenstimmen bekämpft, erliegt Barbara Sukowa im Kampf gegen die all zu deutschen Leinwandtäter.

Neue Schauspieler hätten ein besseres Gefühl für die ins Abseits gedrängten Exilanten vermitteln können, ihre allgemeine Unbekanntheit hätte die der historischen Figuren transportiert. Blicke und Gedanken wären gemeinsam in die Tiefe gegangen. Doch im Anblick der gewohnten Mehrheitsgesichter schaltet der Zuschauer auf Durchzug. Das Auge ruht auf der Oberfläche, das Denken wird schwer: Ohren angelegt, Augen fixiert, mit Tunnelblick durch die Historie, im Fahrtwind eine Träne abdrückt – Geschichte kennen wir schon.

Im vorgeführten Fall sehen wir als Ehegatten der Arendt einen Milberg, der schon zweimal Nazioffizieren sein Gesicht lieh, einen Ghostwriter für Albert Speer mimte und als Tatort-Borowski manchen Sonntag den großen Bruder Rechtsstaat in die deutschen Wohnzimmer bringt. Man kann die historische Arendt nur schwer denken, wenn die Film-Arendt den Bullen aus Kiel liebt. Denken und Blicken.

Noethen liefert dem Film noch ein Gesicht mit Geschichte. Schon zweimal gab er den Himmler: einmal im Untergangsepos, danach in der Führersatire. Zwischenzeitlich war er auch Kriegsgefangener und Opferdeutscher in einem Nachkriegs-TV-Drama. Jetzt ist er gerade Arendts bester Freund. Oder nochmal anders: Wie kann man die Integrität der historischen Arendt ermessen, wenn die Film-Arendt einem vertraut, der an das Sams glaubt? Denken und Blicken.

Degen, drittes Schlachtross der Degeto, spielt die Rolle des Kurt Blumenfeld. Wie kann man die Tragweite eines israelisch-deutschen Prozesses begreifen, wenn man dank seiner Mitwirkung das Gefühl hat, in Israel läge die Klinik unter Palmen? Denken und Blicken.

So ist doch Barbara Sukowa ein recht eindrucksvolles Beispiel für die „Hanswurst“ des Guten: Während sie mit Inbrunst spielt und der Regie folgt, um die Gedanken der großen jüdischen Denkerin zu vermitteln, wird mit der Besetzung der Nebenrollen gezeigt, dass es darum gar nicht geht. Vielmehr soll dem Kanon aus dem Hause ARD wieder etwas entgegengesetzt werden. Sichtlich wird versucht, dem Banalen die Donna Leon mit Philosophie auszutreiben und nebenbei der historischen Hannah Arendt ihren Platz in der deutschen Geschichte zu geben. Da stehen Quotenmoralisten gern mit Rat und Tat zur Seite und weisen den Weg: bitte recht mittig. Im deutschen Kino ist Geschichte eben eine Konsensfrage, ein gemeinsamer Blick, ein einheitlicher Gedanke, ein Standpunkt.

Das Geschichtsbewusstsein der Degeto-Deutschen – ein Beispiel: „Jetzt… gibt dieser Film Hannah Arendt den Platz, der ihr zusteht“, wird die Zeitschrift Emma (Ausgabe 01/2013) auf der Internetseite zum Film zitiert. Alice Schwarzer schrieb den Artikel. Dabei klingt es wie bittere Häme, betrachtet man dieses Lob vor dem Hintergrund Arendts Inhaftierung und Ausbürgerung: Ab 1937 war die Intellektuelle staatenlos und erhielt 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Zwangseingedeutscht und legitimiert zum Zwecke der Rehabilitation des deutschen Nachkriegsvolkes ist Hannah Arendt nun ein Meinungsmonstrum. Im Artikel über den Film lässt es sich Schwarzer nicht nehmen, die politische Denkerin mit Kapriolen zu vereinnahmen: „Hannah, die ihr Leben lang eine Männer-Frau war und keineswegs zögerte, sich herablassend vom Feminismus zu distanzieren. Was die Entdeckung dieser so mutigen Frau, die unser Denken geprägt hat, auch für Feministinnen erschwerte.“

Doch der Treppenwitz der Banalität des Guten hat noch eine Stufe: Hannah Arendt muss sich jetzt einreihen hinter einer anderen historischen Größe, die Alice Schwarzer vor vierzehn Jahren huldigte:

„Es ist wohl kein Zufall, dass Leni Riefenstahl, die Regisseurin, die man in Europa keine Filme mehr machen ließ, in den 60er Jahren als Fotografin bis ins tiefste Afrika ging, wo sie ihre berühmt gewordenen Nuba-Fotos machte – und ab den 70er Jahren als Filmerin bis auf den Grund des Meeres. In der Südsee dokumentiert die passionierte Tier- und Naturfreundin bis heute eine untergehende Welt.“ (Ausgabe 01-02/1999).

In der Welt von Alice Schwarzer besteht kein Unterschied zwischen rechts und links, deutsch und jüdisch, und eben zwischen Leni „die lebende Legende“ Riefenstahl, Margarethe „Deutschlands berühmteste Filmemacherin“ von Trotta und Hannah „die bis dahin geachtete“ Arendt.

Die Produktion unter öffentlich-rechtlichem Banner spiegelt sich in den Kritiken wieder. Es ist nur schwer zu erahnen was zuerst da war: die Meinung oder der Film? So soll es sein im Kinodeutschland das Filmkritiken nur noch im Namen einer Institution ausspricht. Sogar, wenn es um Filme geht, die das Denken des Einzelnen, die Mündigkeit, fordern. So passt von vorn bis hinten alles. „Großes Kino: echt, bewegend.“ – dpa. Außerhalb veränderte Arendts Denken die Welt, innerhalb der 1945 anerkannten Grenzen kommt – trotz Arendt – das Kinolatein der Leitmedien an nur ein denkbares Ende: Degeto ergo sum. CB

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