finale Fragen

„Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ von Peter Liechti auf der Berlinale

Eltern führen auch eine Paarbeziehung, das war in Europa lange Zeit so klar, dass man niemals von einer „Paarbeziehung“ gesprochen hätte. In „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ versucht der Filmemacher Peter Liechti das unfassbare Gebilde, dem er entsprungen ist – die Verbindung seiner Eltern – zu ordnen. Er beobachtet die Gewohnheiten des Rentnerehepaars in bescheidener Wohnung und Garten, und interviewt sie. Liechti wählt aus den Gesprächen Abschnitte aus, die von zwei Hasenhandpuppen in einem samtig dunklen Theaterraum wiederholt werden, und schafft so seiner Beobachterfigur einen eigenen Raum mit der Stimmung des Künstlichen, des Pointierten. Der Raum der beiden Hasenpuppen, in dem Liechti das Material ordnet zu Ergebnissen, ist ein urban-kultureller: das Puppentheater, die bluesige Musik, ein gemütlicher Kunst-und-Kulturrahmen. Ein solches Bild seiner Eltern als Ehepaar im sozialen Gefüge entsteht nur, indem ihr Sohn aus seiner Position zum Beobachter und – ja – zum Richter wird. Wo der Charme des Vaters und sein gepflegter, wunderschön blühender Garten in den Filmbildern jede kritische Beschreibung seines Verhaltens gegenüber seiner Frau im Nu fortblasen, offenbaren die isolierten, sachlichen Gespräche der niedlichen Hasenpuppen die Monstrosität eines Beziehungsmodells, dass die Frau abhängig hält vom guten Willen ihres Mannes. Aussagen, die aus Vaters Mund fast charmant klingen, entfalten theatralisch deutlich ausgesprochen die Grausamkeit alter Geschlechterrollen. Die eigene Welt der urbanen Kultur – des Puppentheaters und der bluesigen Musik – bildet den Prospekt/Raum für Liechtis Betrachtung: wie Liechtis Vater glücklich in seinem blühenden Garten werkelt, zeigt einen Lifestyle, bevor er einer wurde – aufgelöst im Alltag eines Rentners, der mit dem Wort „Glück“ nichts anfangen kann, wenn sein Sohn ihn danach fragt. Das nämlich tut Liechti zur großen Freude des urbanen Publikums; seine Mutter fragt er, ob sie wohl glaubt, in den Himmel zu kommen: Da bringt Liechti das urbane Publikum zum Lachen. Gegen Ende des Films erliegt er der großen Versuchung, die seine Macht über das Bild der Eltern birgt. Er erlaubt dem Publikum ein bequemes Urteil, indem er seine Eltern mit finalen Fragen konfrontiert und weiß, dass sie daran scheitern müssen: Ach der Vater kennt kein Glück, die Mutter hat ihr Leben vertan und nun bleibt ihr nichts als die Hoffnung aufs Paradies, ich aber verwirkliche mich selbst!  Hier verschafft Liechti seinem Lebensentwurf der Selbstverwirklichung Genugtuung und weiß eine ganze Generation der „Kreativität“ mit gleichem Lebensentwurf bei sich. 

Diese finalen Fragen stören die volle Freude und den reichen Kummer, die „Vaters Garten“ zuvor schwellenlos auslöst, das schmerzhafte Lachen über die Eltern weicht höhnischen stillen Urteilen zu eigenen Gunsten. Es tritt die Selbstversicherung des zeitgenössischen Kulturarbeiters in Jahren hervor, dass seine Produkte am Ende besser sind als schnöder Alltag ohne „Glück“. Und plötzlich fällt auch auf, wie die Spontaneität, mit der das Puppentheater gerne mal seine Spieler enthüllt, inzwischen staubigen Autoritätsglauben verrät: den Glauben an die eigenen künstlerischen Produkte. 

 

 

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