Heimat ist drinnen

Visions of Reality

 

Die unabänderliche Gegenwart wird durchsichtig und reicher, indem man lernt, was sich hinter bestimmten Chiffren verbirgt, hinter bestimmten Namen – sie versprechen etwas und werden so zu Gegenständen des eigenen Lebens.

Ausgehend von einer Frauengestalt in einigen Gemälden Hoppers konstruiert Gustav Deutsch in „Shirley – Visions of reality“ eine Figur, das bedeutet einen sprechenden Agenten. Zentral ist, dass die Zeit vergeht und dafür braucht es einen Film, jeder gegenwärtige Raum ist offen in zeitlicher Hinsicht, offen richtung Zukunft, sei er auch aus Beton. Die Figur „Shirley“ ist Schauspielerin und sie spricht davon, dass sie die Bilder und ihren Gefährten darin verlassen wird und warum.  Die Bilder werden dergestalt beim Wort genommen, als jedes einzelne konsequent verknüpft wird mit den historischen Ereignissen des jeweiligen Jahres. Tabellarisch: das Jahr / die welt- und gesellschaftspolitischen Radionachrichten / das Gemälde / die Überlegungen der Figur, ihre Enttäuschungen, ihre Hoffnungen. Shirley denkt nie über Weltpolitik nach, sondern über Kulturgegenstände, von denen sie sich etwas verspricht und erhofft. Sie versucht ihre eigene Passage zur Zukunft zu öffnen. Gefangen in den fixierten Tableaus erscheint Martin Luther Kings Rede 1968 ein Happy End, Luigi Nono eine Rettung – Ereignisse, die heute in geschichtliche Zusammenhänge relativiert sind, Daten der westlichen Kulturgeschichte, Einrichtungsgegenstände in der Architektur des europäischen Kultur-Bürgers. Deutschs Film ordnet diese Daten strikt chronologisch: er setzt Datum und Interieur/Gemälde als undurchdringliche Gegenwart eines Moments der Geschichte.  Shirleys Worte berichten, was anderswo geschieht, berichten von der Bedeutung bestimmter Ereignisse. Ereignisse, Konzepte können im Leben des Einzelnen zu Daten der Hoffnung werden. Diese Hoffnungen binden sich in bestimmten Daten. Genauer binden sie sich in Dateien, im Audiofile der Rede Martin Luther Kings, das im Wohnzimmer Gegenstand wie das Parkett und die Bücher und die Menschenrechts-Überzeugungen und die geerbte Vase und die geschenkte Kerze wird.

 

Weil der europäische Bürger nicht beheimatet in einer „Natur“ ist, sondern in Interieurs, richtet er sich ein – alle Architektur, alle Ausstattung ist durchdrungen von „Wert“ – im Sinne einer Bedeutung, meinethalben einer „Beseelung“.

„Shirley“ verwendet die filmischen Möglichkeiten in einer Weise, die das übliche Kino meist eher zu sprengen versucht oder suggestiv verschwinden lässt: Es gibt ein Bild und einen Ton parallel. Der Ton entspringt kausal nicht dem Bild, sondern der Dunkelheit hinterm Bild und in der Figur. Diese Aufteilung entspricht dem dichteren Dickicht der räumlichen Gegenwart vergangener Zeiten: wie kulturelle Werte im Hellen stehen konnten, gelöst aus Zusammenhängen, integriert in persönliche Wertvorstellungen, guten Willen, persönliche Weltvorstellung. Die Menschenrechte – zentrale Gegenstände der Einrichtung des europäischen Bürgers – stehen aber heute neben unkontrollierbaren Bilderfluten von Momenten, in denen sie nicht verwirklicht sind. Dies schmälert nicht ihre Bedeutung als erstrebenswertes Ziel – doch es ist anstößig, unmöglich, geworden, sich mit ihnen allein einzurichten.

Wir sehen (im Wortsinne) heute so schrecklich oft die Missachtung von Menschenrechten, dass es schwer fällt, die bloßen Worte als gleichwertig anzusehen.

 

In dem Maße, in dem Massenkultur hochkulturell wird – weil hier vielleicht bildmächtigere, also der Zeit angemessenere Antworten liegen – ist es unhaltbar geworden, auf Cage und Nono zu hoffen als Chiffren für  Überwindung gesellschaftlicher Probleme.  Cage und Nono allein, Martin Luther Kings Rede ALLEIN – ohne die Bilder der Momente der Nicht-Verwirklichung – taugen nur noch, einen Elfenbeinturm einzurichten.

Und doch: man kann Rast halten mit ihnen und sich erinnern, dass die Chiffre „Gleichheit der Menschen“ ein zu liebendes Gut unserer Einrichtung ist.

In diesem Sinne ist „Shirley – Visions of Reality“ ein europäischer Heimatfilm. Menschenrechte müssen ein fester Gegenstand innerer Einrichtung nah dem Herzen sein. Die Rede von Menschenrechten ist nicht verlogen oder verschleiernd, weil ihre Umsetzung so oft verweigert, weil sie so oft missachtet werden. Es sind zwei verbundene und doch verschiedene Gegenstände, die einander anfüllen.

 

 

 

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