„mögen“

Über scharfe Nahaufnahmen menschlicher Haut in „Matar Extranos“ von Jacob Secher Schulsinger, Nicolás Pereda bei der Berlinale 

 

Bei einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Studiengangs Freie Kunst an der Bauhaus-Universität verwies der Dekan, um zu betonen, wie wohlgesonnen er „der Kunst“ sei, immer wieder auf „die“ ansprechenden, interessanten Filme, die in den Studiengängen Visuelle Kommunikation und Mediengestaltung entstünden. Kunst sei nun daran beteiligt, „Wissen zu generieren“, sie sei auch Forschung, das wäre doch toll!  Mit dem Messer in der Tasche wurde stetig wiederholt, „Kunst“ sei „wichtig“, sie habe neue Aufgaben. Inwiefern kann man „Kunst mögen“, um einen Ausdruck der Diskussion im Oktober 2012 aufzugreifen? Dass man einen Kunst-Look, der gefällt, gut und einfach herstellen kann, steht außer Frage. Kann man der „Kunst“ vertrauen?

Die dänisch-mexikanische Koproduktion „Mater Estranos“ fragt nach der Vertrauenswürdigkeit erzählerischer Formen, speziell nach der Figur des Revolutionärs.  Dazu begeben sich die Regisseure ins altbekannte und doch rätselhafte Land der verschiedenartigen Überschneidungen von erzählerischen Zeichen-Worten und Körpern: in die ferne Revolution, die einerseits ein Schauspiel virtueller Körperschaften ist – der unterdrückten Arbeiter, wie man sie nennt; andererseits Schicksal physischer Körper und Menschenleben. 

Die Regisseure inszenieren ein Casting für Revolutionär-Darsteller in Mexiko und möchten damit den den ursprünglichen Schnitt zeigen, den die Kamera vornimmt, menschliche Körper in Material, Leben in Kunst zu formen. 

Offensichtlich möchten die Regisseure im Windschatten interessanter und erfolgreicher verbaler Überlegungen zu den Figuren Kunst und Revolution reisen. Um nur zwei Chiffren zu nennen, deren gerechter Autorität die Regisseure eingangs sich versichern: Stanislawskis actor’s handbook und Hannah Arendt.  

So gesichert beginnen die Experimente, mit dem Ziel, keinem wehzutun – auf keinen Fall ins Fleische schneiden. Man ahnt, was dem zugrunde liegt: die Annahme eines  „wirklichen“ Körpers, eines logisch die Wirklichkeit knickenden, der „natürlich“ sich gleichgesetzt mit der „guten“ Physis. Im Zusammenhang bewaffneter Revolutionen wird die erleidende Physis hier, weil sie eben leidet, gleichgesetzt mit „dem Guten“. Weil der vom Tode bedrohte menschliche Körper in Gefahr ist „alles“ zu verlieren, wird er umgekehrt etabliert als per se Richtig und Gut. Sein Tod ist falsch, sein Leben also einzig richtig. Diese Engführung des Guten/Richtigen mit der bloßen Leiblichkeit findet in Matar Extranos beispielhaft seine Entsprechung in einer bestimmten Filmästhetik. Nahaufnahmen einzelner Körperpartien, oft des Gesichts, deren kleiner Schärfebereich – seinerseits aber sehr scharf – betonen die Poren, die kleinen Narben, das Atmen, die ständige „organische“ Bewegung des Körpers, die nicht-intendierte lebensnotwendig Bewegung, die frei ist vom Verdacht jeder Inszenierung. Sie muss echt sein. Vollendet wird die Absolutheit des menschlichen Körpers im Bilde durch elektroakustisches „ätherisches“, das heißt allumfassendes Wummern, nicht anders als durch bloße Gegebenheit begründbare Geräusche. 

Die Designer audiovisueller Medien wie den Trailern der ZDF-Sportprogramme wissen, dass man sich mit der Physis, ihren Bedürfnissen, ihrer Vitalität, im moralischen Alltag nie aufs Glatteis begibt. 

Es hilft nichts, dass „Matar Extranos“ sich im Vorspann/Quellenverzeichnis/Lorbeerkranz mit Hannah Arendt schmückt: die essentiellen Bedürfnisse des Körpers, seine Prozesse, werden hier als moralisch zwingende Richtigkeiten bezeichnet, wenn die Bezeichungen hier auch Bilder sind. 

ZDF-Sportprogramm und eine so kunstfilm-artig aussehende Forschung wie „Matar Extranos“ profitieren von technischen Apparaturen, die hochauflösende Bilder herstellen und davon, dass der Leib das unöffentliche, unangenehme, absolut verlangende Geheimnis jedes Menschen ist. Ist die bloße Physis nicht schön und ist sie nicht gut, weil sie eben so vergänglich ist? Keiner kann Nein sagen zur Physis, denn keiner möchte hungern, leiden, ins Fleisch geschnitten werden, ersticken – und nun sieht sie so verlockend aus! Wie die Maschinerie die Physis des Menschen so glänzend genau zeigen kann, weist sie darauf hin, dass sie an anderer Stelle die Macht hat, in das Fleisch zu schneiden. Mit dem Messer in der Tasche behauptet die Maschinerie, auf der Seite der körperlichen Unversehrtheit zu stehen, für den Leib da zu sein, für deinen Leib da zu sein. Wer wollte ihr da nicht zustimmen? Wer wollte solche Filmbilder nicht „mögen“? Wer sollte nicht kaufen wollen, was sie anpreisen? Der Leib in Gefahr geschnitten zu werden (gemäht zu werden), tritt in diesen Bildern übergroß und in seiner überästhetisierten Körperlichkeit absolut dem Leib des Zuschauers gegenüber und sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Dabei besteht für den Zuschauer in Westeuropa kaum akute Gefahr, von der Maschinerie geschnitten zu werden, die schneidet anderswo – doch wir wissen wie es sich anfühlt! Und können mit dieser „Erfahrung“ uns selbst spüren – als welche, die alles „natürlich“ richtig machen.

 

Diese Art der moralischen Reinigung erwartet man, wenn man davon spricht, Kunst „zu mögen“. Ich versteige mich nicht dazu, selbst zu wissen was oder wo Kunst liegt. Wer von ihr aber moralische Befriedigung durch körperliche Erfahrung erwartet, ausschließlich verständliche „künstlerische Forschung“, möchte sie gleichschalten zum Zwecke der human-technischen Maschinerie. 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s