Zarte Not

„Le Cousin Jules“ von Dominque Benicheti auf der Berlinale 

 Den  Menschen, die auf Gehöften auf dem Lande leben, wird die Bezeichnung „Bauern“ nicht gerecht. Wie die Landschaft erst von der Landschaftsmalerei abhängig entstand, wurden die „Bauern“ erfunden, um sie im Bevölkerungsbild erscheinen zu lassen. 

In der unbegrenzten Landschaft sind Häuser unheimlich zarte Gebilde. Diese Zartheit gibt ein schönes Bild ab. Dominique Benicheti portraitierte zwischen1968 und1973 ein altes Ehepaar auf seinem Hof.  

Dass einer überhaupt einen Film über das einfache Leben macht, beweist, dass es ihm entrückt ist. Er verleiht ihm Form, er kann es benennen – schau, wie schön diese arbeitssamen Hände selbst ihre Türbeschläge herstellen in der Werkstatt. Der elektrische Strom hat die Kurbeln, die Winden und die Hebel weitgehend verdrängt -zum Nachteil der Umwelt – und ermöglicht zugleich, schöne Bilder davon einzufangen.

Aber Benichetis Film kennt seine Problematik und löst sie, ohne sie aufzuzeigen. Die Form, die ihren Gegenstand zum malerischen Motiv verflacht, wird verschiedentlich unterlaufen: späte Schnitte, die noch zeigen, wie nach absolvierter Vorstellung der Bauer anhebt, mit dem Kameramann zu sprechen. Dieses Unterlaufen der Form durch den Blick in die Kamera ist in der dokumentarischen Tradition ein erprobtes Mittel. Doch es gibt in „Le Cousin Jules“ eine tiefergehende Überschneidung der Form mit ihrem Gegenstand: Ein eigenartiges Lächeln der Beteiligten offenbart, dass es ein freundlicher Dienst ihrerseits ist, uns die Handlungen ihres Alltags zu zeigen, ein wenig wie in den Sachgeschichten mit der Maus oder – um in der Zeit zu bleiben – in Robert Bressons Farbfilmen. Wie in diesen Farbfilmen verflacht Benicheti die Räume, die er filmt, zu einem farblich schönen Prospekt, zu einer Art Koordinatensystem für Handlung.

Die Feststellung der Ähnlichkeit mit Bressons Farbfilmen ist – trotz der unterschiedlichen Gewichtung von Dokument und Inszenierung für die Bildgewinnung – fruchtbar, um zu zeigen, was Benichetis Film so kostbar macht: Die Komplizenschaft von Regisseur und Darstellern öffnet ihm die Pforte für schlichtes Interesse am Gegenstand, der ein Bild von Menschen in landschaftlichen Interieurs ist. Wie wurde der Kaffee gekocht, wie leben Menschen auf dem Lande mit ihren Tieren zusammen, wie zünden sie den Ofen an? 

Drei Episoden werden voneinander getrennt durch ein kurzes Erstarren des jeweils letzten Bilds. In der Zeit, die zwischen der zweiten und der dritten vergeht, stirbt offenbar die alte Ehefrau. Man empfindet Beileid, wie es sich gehört, aber der Tod ist hier kein Vehikel für „Rührung“, er ist kein tragisches Element für uns, sondern ein sachliches, eine Veränderung der Situation. Der Kummer des Ehemanns wird in keiner Weise berührt, weil er in unsichtbaren Räumen sich abspielt: in einer etwaigen Erinnerung oder einem etwaigen Glauben. 

 

Und ähnlich lenkt der Film das Lachen des Publikums auf Momente, in denen notwendige Handgriffe ungeschickt die romantische Ästhetik ins Wanken bringen. Man lacht hier über das zart entgleiste Bild, nicht über das Ungeschick. Das kann man lernen von diesem Film: Anders als Romantik ist Eleganz echt und entfaltet sich nur in der Begrenzung, im Umgang mit den Gegebenheiten, im planen Bild. Man sollte „Le Cousin Jules“ in seiner ästhetischen Distanz zum Gegenstand als eine Mahnung zur materiellen Begrenzung als wichtige Lebenstechnik lesen, zur Einrichtung der eigenen Existenz entsprechend ihren Verrichtungen.  

 

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