Julie Delpys Checkliste für Before Midnight

• Ich bleibe auf Distanz zu den Charakteren, die ich verkörpern darf und muss. Also nicht so
Betroffenheits-Realismus-Akteurismus, sondern am besten so schauspielern, als ob ich eine
Liste abarbeite. Ein bisschen genervt die Augen gen Himmel verdrehen hier, ein bisschen
französisch fluchen da, das reicht doch eigentlich.
• Spiele dich unbedingt selbst! Also diese französisch-amerikanische Kosmopolitin auf USA-Trip,
die immer ein paar französische Schimpfwörter auf Lager hat und galant Gleichgesinnten
aus der Heimat bei linguistischen Unsicherheiten weiterhilft, wenn diese die englische
Sprache nicht so perfekt beherrschen wie ich.
• Es gilt, in Filmen kulturelle Differenzen zu achten! In Before Midnight bitte sensibel mit der
komplizierten Raumsituation umgehen: Zwei frankoamerikanische Kosmopoliten machen
Urlaub in Griechenland! Da müssen gleich drei Kulturen miteinander in Einklang gebracht
werden! Damit man die Einheimischen von den Touristen unterscheiden kann, sollten erstere
so aussehen, wie man sie aus Filmen kennt, also der Mann mit dunklem Vollbart und Matrosen-
Shirt und die Frau mit einer lockigen Langhaar-Frisur, wie man sie von antiken Darstellungen
kennt. In der verfänglichen Situation am Essenstisch, bei der die drei Kulturen
aufeinanderprallen, soll sich aber die einzige Griechin, die keinen amerikanischen Akzent
pflegt, nicht schlecht fühlen. Deswegen sagt sie nicht viel und lächelt stumm (was für die
Genügsamkeit und Mystik der alteuropäischen Damen steht). Wenn sie ihren einzigen Satz
in der zehnminütigen Szene sagt, muss das gewürdigt werden! Es soll der Eindruck entstehen,
dass die Weise endlich gesprochen hat. Am besten lasse ich die Beteiligten am Tisch
auf ihre Worte anstoßen und damit die Szene beenden. Sonst wird das zu kompliziert und
langatmig.
• Die Diskussion am besagten Essenstisch ist sehr wichtig! Hier reden die Charaktere über alles,
was den internationalen Geist zur Zeit so beschäftigt. Also über das Sein des Menschen
natürlich, in Bezug zu Cybersex. Liebe und ein bisschen Technikphilosophie sind in dem
Kontext auch relevant, denke ich.
• Ich finde ja Woody Allen toll! Also lasse ich in meinem Film auch alle die ganze Zeit reden,
das macht einen schönen Nerv-Faktor und irgendwann kommt die Message dann auch beim
Letzten an. Plansequenzen, also lange Szenen, in denen nicht geschnitten werden, finde ich
auch cool.
• Fast habe ich es vergessen, der Film läuft ja auf der Berlinale. Das ist ein Filmfestival in
Deutschland, auf dem alternative Filme laufen. Da habe ich mehr Freiheit und kann kreativer
sein als in Hollywood. Ich glaub, ich mach das auf die Sex-Radikalitäts-Schiene, ich
denke, da bin ich gut drin. Ein bisschen Titties zeigen, und die sollen in mindestens zehn
Kameraeinstellungen mindestens zehn Minuten aufgenommen werden, so lang wird schließlich
auch über Whatever am Tisch diskutiert, vielleicht lasse ich meinen Spielpartner auch
daran herumnuckeln. Das ist auf jeden Fall drin. Und endlich darf ich schimpfen! Vielleicht
bezeichne ich die Ex von meinem Ehemann im Film als verdammte Schlampe, das wollte
ich schon immer mal völlig kontextlos in die Runde werfen.

(OT: „Before Midnight“, USA 2013, Regie: Richard Linklater, 108 Minuten)

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