Divergenz der Gefühle – Gefühle der Divergenz

Ich sitze im Kino und Tränen rinnen meine Wangen hinunter. Vom Publikum höre ich Gelächter.
Was ist hier los? Wir sitzen in Nobody’s Daughter Haewon bei der Berlinale.
Der Versuch einer Erklärung. Im Wettbewerb der Berlinale sieht man viele Dramen, die Menschen
so durchlaufen können. Korruption, Armut, Einsamkeit. Meist reagieren sich diese Dramen an größeren
Zusammenhängen ab, was den Filmen dann gesellschaftliche Relevanz verleiht. Es geht nicht
mehr um ein Mutter-Sohn-Drama, sondern um die politischen Umstände in einem Land. Wir sehen
große Werke erfahrener Regisseure, in denen alles an seinem Platz scheint. Für sich allein erhaben,
kolossal, ergibt sich in Kombination ein Brei, der einem die Luft nimmt. Im Friedrichstadt-Palast
kann man am Tag fünf Wettbewerbs-Filme hintereinander sehen. Große Filme gehen in der Masse
unter, alles wirkt schwer und behäbig.
Der Saal im Friedrichstadt-Palast ist riesig, wenn es zu einer mehrheitstauglichen Publikumsreaktion
kommt, hört man diese unweigerlich. In einem Wettbewerbsfilm war dies in den letzten Minuten
deutlich vernehmbares Schluchzen morgens um zehn. Komme was wolle, die Reaktionen sind hörbar,
steigern sich gegenseitig, ein crescendo raunt durch den Saal und man nimmt sogar das Echo
wahr. Diese ungewohnte Kinoerfahrung ist überraschend, reißt einen mit oder erdrückt einen in seinem
oder ihrem Sessel. Letztendlich jedoch ist die übliche Antwort des Publikums: Lachen.
Nun also Nobody’s Daughter Haewon. Vielleicht kommt es mir so vor, doch die Lachfrequenz
scheint in den letzten Tagen der Berlinale deutlich anzusteigen. Das Publikum ist ermüdet von der
Last der anspruchsvollen Filme und hofft überall auf einen Funken Ironie, den es angemessen honoriert.
Ob das Drama um Haewon ironisch ist, wage ich zu bezweifeln. Da ist das Publikum anderer
Meinung und so kommt es zur eingangs erläuterten Divergenz der Gefühle.
Also warum Ironie? Nobody’s Daughter Haewon ist kein Meta-Drama, also nicht Liebesdrama, das
für die Lebensverhältnisse in Südkorea steht. Der Film ist ein Drama, das für sich selbst steht. Der
häufige Zoom der Kamera zieht uns immer wieder direkt an die Figuren heran, die miteinander in
komplizierten Verbindungen stehen. Hauptfigur Haewon verabschiedet am Anfang ihre geliebte
Mutter, die nach Kanada zieht, und lernt sie dabei das erste Mal richtig kennen. Sie ist unsicher,
lässt sich auf einen Mann ein, ist mit Kommilitonen zu sehen. In den Dialogszenen treten die Beziehungen
der Charaktere hervor. Diese werden nicht einfach benannt, sondern erforscht, zerlegt.
Die Charaktere versuchen in Haewons Persönlichkeit vorzudringen. Sie wird erklärt, ihr werden
Motive angekreidet, was sie stets mit einem Lachen abtut. Dieses Lachen wirkt nicht freundlich,
auch nicht unsicher, sondern bestimmt. Sie weiß, dass sie missverstanden wird. Man erklärt ihr, sie
sei diese und diese, sie weiß, dass das nicht stimmt. Sie bleibt sich treu, es gibt Menschen, die sie
verstehen, bei denen sie sich wohl fühlt, bei denen sie nicht lachen und freundlich sein muss. Doch
ihr Lachen ist resigniert.
Die Situation ist festgefahren, es gibt keine Ausflucht, und in Dialogszenen wird Haewons Situation
hingebungsvoll seziert. Die Hölle sind die Anderen. Dieser Offenbarungscharakter der Dialoge ist
so gar nicht meta und so scheint man sich vom Interpretationszwang befreit zu fühlen und entspannt.
Der Zoom, der begrenzte filmische Raum, die peinlich persönlichen Gespräche, hier scheint
man eine Parodie zu vermuten. Der Metadiskurs winkt zur Tür hinein, vielleicht eine Persiflage auf
das Südkorea zwischen Tradition und Moderne? Das ist doch eigentlich alles recht amüsant.
Ich fühle mich derweil zerdrückt, wundere mich zunächst über den Dialogfilm mit angenehmer Atmosphäre.
Ich akzeptiere die Hauptfigur, lebe ihre Entwicklung mit, identifiziere mich. Und denke,
dass in dieser Figur, die versucht, sich treu zu bleiben und gegen Widerstände ihre Prinzipien lebt,
mehr Wahrheit steckt als in jeder Meta-Ebene.

 

(OT: “Nugu-ui ttal-do anin Haewon”, ROK 2013, Regie: Hong Sang-soo, 90 Minuten)

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