flashing lights. kleinstadtlicht.

I don’t eat, I don’t sleep,
I do nothing but think of you.

Liebesbedingter Nahrungs- und Schlafentzug führt in Der Geschmack von Rost und Knochen und Drive zu kolossalen Folgen.

Ein Blitz entsteht durch Ladungstrennung in Wolken. Vor allem im Sommer erwärmt die Sonne bodennahe Luft, sodass Wasser verdunstet. Warme, feuchte Luft steigt auf, kühlt ab und kondensiert. Es entstehen Wassertropfen und Eiskristalle, die als Wolken sichtbar werden. Voraussetzung für Blitze ist die elektrische Aufladung von Wolken. Bis heute liegt im Dunkeln, wie das genau vor sich geht. Wahrscheinlich spielt das gleichzeitige Vorhandensein von Wassertropfen und Eiskristallen in den Wolken eine wichtige Rolle. Schwerere Wassertropfen fallen nach unten und stoßen auf ihrem Weg mit leichteren Eiskristallen zusammen, wodurch es zu einem Ladungsaustausch kommt. Die Ladungen werden hierbei getrennt: Die einen Teilchen haben Elektronen verloren und sind daher positiv geladen, die anderen haben Elektronen eingesammelt und sind negativ geladen. Mit der Zeit kommt es dadurch in der Wolke zu drei verschiedenen Bereichen, ein sogenannter Tripol entsteht: Ganz oben ist die Wolke positiv geladen, in der Mitte gibt es eine schmale negativ geladene Zone, und unten ist die Wolke wieder positiv geladen, wenn auch wesentlich schwächer als oben. Durch den Prozess der Ladungstrennung baut sich in der Wolke eine elektrische Spannung auf. Übersteigt diese Spannung einen Wert von 3 Millionen Volt pro Meter, ist das meistens der Beginn einer elektrischen Entladung, die wir als Blitz und Donner wahrnehmen können.

In Drive und Der Geschmack von Rost und Knochen blitzt es gewaltig. Die Diegese der Filme gleicht einer tripolaren Wolke: Der thematische Überbau ist positiv geladen und von intersubjektiver Attraktion bestimmt. Die Ausführung in der Mitte gestaltet sich negativ, gewalttätig. Die Filme selbst bilden die wolkige Pufferzone, die unterste Zone, die leicht positiv geladen ist, aber wesentlich schwächer als die oberste. Die Filme bieten einen Ausgleich von positiver und negativer Ladung, von gut und böse, hell und dunkel, von Sein und Nicht-Sein. Wird die Spannung jedoch zu groß, entlädt sie sich und es blitzt.

Thematisch sind Drive und Der Geschmack von Rost und Knochen nichts besonderes. Mann kämpft gegen Widerstände für große Liebe. Ungewöhnlich sind die Mittel: Reine Gewalt und Manneskraft. Die Filme affizieren wegen dem starkem Kontrast von Harmonie und Gewaltausbrüchen. Liebe und Gewalt stehen unverhüllt nebeneinander und agieren miteinander. Sie sind unwiederbringlich miteinander verschmolzen und umschlungen. Gleichzeitig reiben sie sich aneinander, brechen aus und entladen sich in Exzessen.

In Der Geschmack von Rost und Knochen herrscht ein ungewöhnlicher und faszinierender Körperkult, der sich gleichzeitig unheimlich und attraktiv gibt.

Eine Schwertwal-Artistin verliert bei einem Unfall ihr Bein. Sie büßt ihr selbstsicheres und weibliches Verhalten ein. Sie verliebt sich in einen Mann und begehrt seinen unversehrten, starken Körper. Der Körper in Der Geschmack von Rost und Knochen wird inszeniert.

Es fallen körperliche, touchy, intime Detailaufnahmen von Körperteilen auf. Der Nacken der Frau ist zu sehen. Er ist weich, kleine Härchen leuchten in der Abendsonne, die das Gegenlicht in dieser Einstellung ist, der Kopf der Frau erscheint als dunkle Silhouette. Die Handkamera wackelt, es ertönt emotionale Musik. Der Zuschauer ist direkt an diesem Nacken, kann ihn fast berühren.

Die Frau wird zur Voyeurin, beobachtet einen brutalen Kampf ihres Schwarms aus einem Auto heraus. Ihr Blick verzehrt sich nach dem Geschehen, sie öffnet weit ihre Augen, starrt. Ihr Kopf wackelt leicht apathisch. Dieser Mann ist bullig, stellt seinen Körper zur Schau. Er trägt seine verkrüppelte Verehrerin, zerschlägt das Eis einen zugefrorenen Sees und trägt eine zertrümmerte Hand davon.

Die Frau findet ihren Körper wieder. Sie wagt sich in eine Disko, es ertönt I follow rivers von Lykke Li, sie möchte ausgelassen tanzen und sich weiblich fühlen. Ihr verkrüppeltes Bein tätowieren, mit dem Mann kämpfen und ihn als Sieg davontragen, ihn als Gewinn einheimsen, ihn gewinnen.

Die gegenseitige Anziehung in Drive ist zaghafter, die subtilste und schönste der letzten Jahre aus Hollywood.

Da die positive Ladung unauffälliger, aber dadurch umso intensiver ist als in Der Geschmack von Rost und Knochen, muss auch die negative Ladung in Drive stärker ausfallen, damit es zum am Filmende gewünschten Ladungsausgleich kommt. Die Ladungen werden getrennt, auf die positiv geladene Annäherung der beiden Hauptfiguren folgt deren negativ geladene filmische Trennung. Nun agiert der Mann, rächt sich für seine Liebste. Es kommt zum Exzess und es blitzt.

Ein Aufzug bildet den Ort, in dem die Spannung der beiden getrennten Ladungen 3 Millionen Volt pro Meter übersteigt und sich der Film elektrisch entlädt. Der Mann begehrt in dem Aufzug die Frau, im gleichen Aufzug befindet sich sein Gegenspieler. Eigentlich begehrt der Mann das Begehren des Rivalen, so wie ein Fan nicht den verehrten Star begehrt, sondern das Begehren der anderen Fans. Dadurch verschiebt sich der Fokus des Begehrens von der eigentlich begehrten Person zur anderen begehrenden Person. Eigentlich möchte der Mann den anderen Mann, der die Frau begehrt, in die Ecke des Aufzugs drängen und ihn küssen, bevor er der Frau das Gesicht eintritt.

Der Mann schlendert durch einen Supermarkt. Er ist von vorne zu sehen, die Kamera bewegt sich mit ihm mit. Sein Gesichtsausdruck ist uneindeutig, eine Mischung aus aggressiv und verliebt. Er trifft seine Angebetete, zieht er nun den Hammer aus seiner Tasche und erschlägt sie blutig oder beobachtet er sie verliebt und unschuldig durch ein Supermarktregal hindurch? Die Spannung ist zu groß, entlädt sich, er zieht eine Maske auf, nimmt seinen Hammer zur Hand, dann rammt er ihr Auto, ertränkt sie, ersticht sie und fährt davon.

Die Trennung der beiden Ladungen in Drive ist so stark, dass es interessant ist, sich zu überlegen, was passiert, wenn die Ladungen ineinander umschlagen. Der Mann verliebt sich in die finsteren Gestalten, die er umbringt und tötet die Frau, die er liebt. Das Ende von Drive lässt diesen Gedanken zu. Der Protagonist ist von der Frau getrennt, auf die Gewalt fokussiert und flieht.

In Der Geschmack von Rost und Knochen hingegen fallen die Ladungen wie gesagt dezenter aus. Dadurch scheinen sie nicht ineinander umschlagen zu können und werden leichter harmonisiert, zum Ausgleich gebracht als in Drive.

Positive und negative Ladungen werden in Drive getrennt, die Spannung wird zu groß und es blitzt. Der Zuschauer erträgt dies nur, weil der Hauptdarsteller durch sein indifferentes Schauspiel keine Identifikationsfigur ist.

In Der Geschmack von Rost und Knochen blitzt hin und wieder etwas auf. Gewalt und Liebe wechseln sich ab, sind nicht wie in Drive konsequent voneinander getrennt (abgesehen von der Fahrstuhl-Szene). Eine mögliche Identifikation ist bei Akzeptanz der Gewalt gegeben, dann überzeugt der Film durch eine sublime Schönheit mit ungewöhnlichen Mitteln.

(OT: “De rouille et d’os”, F 2012, Regie: Jacques Audiard, 120 Minuten/ OT: “Drive”, USA 2011, Regie: Nicolas Winding Refn, 100 Minuten, http://www.drive-movie.com/ (zuletzt aufgerufen am 08.04.2012) / Quelle Blitz-Entstehung: http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2008/0708/003_blitz.jsp (zuletzt aufgerufen am 08.04.2012))

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