Kloster, Hinter Gittern oder Bitch Fight?

La Religieuse ist die Verfilmung eines Romans von Denis Diderot und spielt im Frankreich des 18.
Jahrhunderts. Eine junge Frau wird gegen ihren Willen zur Nonne gemacht und hat mit vier Mutterfiguren
umzugehen. Veränderungen führen in diesem Film die Männer herbei. Während sich die
Mütter häuslich einrichten und den ihnen zugeteilten Raum emotional kontrollieren, handeln die
Männer.
Die Nonne hat eine Mutter, die mit ihrer Situation emotional nicht klarkommt, was die Tochter ausbaden
muss. Die erste Äbtissin im Kloster wird zum liebevollen Mutterersatz. Die zweite Äbtissin
ist eine Hexe, die die Nonne foltert. Die dritte Äbtissin macht sich an die Nonne ran. All das erleidet
die Nonne stumm mit skeptisch hochgezogener Augenbraue.
La Religieuse verfügt über ein Mittelalter-Setting, in das moderne Tendenzen einfließen, was plausibel
wirkt. Man siezt seine Mutter und im nächsten Moment erklärt eine Äbtissin, die Nonne wisse
doch genau, wie sie ihr zeigen könne, dass sie sie begehrt. Vor allem jedoch stechen Veränderungen
im Plot heraus, die man nicht erwartet. Oft erinnern die Zustände in den Klostern im Film an dunkelstes
Mittelalter und man kann sich vorstellen, dass die Verhältnisse gleich bleiben, weil wir nun
einmal im Mittelalter sind und niemand aufbegehrt. Hier kommen die Männer ins Spiel, die die
Nonne aus jeder verfänglichen Situation zu retten wissen. Seien es Vater, Beichtvater, Kirchenoberer
oder Fluchthelfer.
So wird die skeptische Augenbraue von einer Muttersituation in die nächste gerissen. Musste sie
eben noch eingesperrt in ihrem eigenen Dreck hausen, wird sie jetzt von ihrer Vorgesetzten angemacht.
Isabelle Huppert spielt diese Vorgesetzte, ihre Paraderolle als subtil perverse, reife Frau. Verzweifelt
versucht sie, die Nonne für sich zu gewinnen, die nicht zu verstehen scheint, wie ihr geschieht.
Eine weitere Nonne ist eifersüchtig und will die Äbtissin für sich alleine. Aus einem Folterdrama
wird die Nonne in einen Sumpf aus weiblicher Zwietracht geworfen. Ein überraschender
Genrewechsel, sehr unterhaltsam, zu unterhaltsam für den Wettbewerb der Berlinale.
La Religieuse darf sich in diesem Wettbewerb gleich mit zwei Etiketten bekleben. Neben „starke
Frau“ ist das „Kirchenfilm“. Doch genug des Sarkasmus. Habe ich noch beim Studieren des Programmhefts
gleich dreimal aufgestöhnt, als es in Wettbewerbs-Filmen um Auseinandersetzungen
mit Religion in der Moderne geht, war ich erfreut, wie vielseitig das Thema angegangen werden
kann. In Klostern und Kirchen können urmenschliche, humane Phänomene erforscht werden.
Das Kloster in La Religieuse wird als Gefängnis inszeniert. Trotz des Fokus auf zwischenmenschliche
Beziehungen tritt immer wieder der filmische Raum auf den Plan. Es geht mehrmals um das
Einsperren von Nonnen, ein Schlüssel ist der Wendepunkt der Geschichte. Der Kontakt zur Außenwelt
findet durch Gitter statt. Tore und Gitter schirmen das Klosterleben konsequent ab. Im Gottesdienst
sind die Besucher durch Gitter vom Altarraum getrennt. Besuche darf die Nonne nur in einem
kleinen Zimmer empfangen, bewacht von einem Aufseher, nur durch einen kleinen Spalt mit dem
Gesprächspartner im Nebenraum verbunden.
Durch den Gefängnis-Charakter wird der Mikrokosmos Kloster in La Religieuse verdeutlicht.
Gleich ob eine familiäre oder eine matriarchalische Stimmung vorherrscht, das Kloster bildet den
ausschließlichen Bezugspunkt der Nonnen. Es werden Situationen beschrieben, aus denen kein Entrinnen
möglich scheint. Jeweils kurz bevor die Schauplätze zu unangenehm und erdrückend werden,
wird die Hauptfigur gerettet. Damit werden auch die Zuschauer erlöst, denen nie das Maximale
zugemutet wird.
Auf diese Weise bleibt in La Religieuse eine Möglichkeit der Flucht bestehen. Nicht räumlich, sondern
durch einen Hauch Ironie, der den Film trägt und ihn vorantreibt. Die teilweise sehr moderne
Sprache hält ihren Einzug in die kalten Klostermauern, erhellt sie und entlarvt die ewige Gestrigkeit,
was oft amüsiert. Selbst die Gewänder der Nonnen wirken wie ein Scherz. Sie sind sehr aufwendig
gearbeitet und werden prachtvoll inszeniert, das An- und Auskleiden wird regelrecht zelebriert.
Die Kleider verleihen den Frauen eine imposante Würde. Gleichzeitig bekommt man das Gefühl
nicht los, einer Art Schaulauf, wenn nicht Modenschau, historischer Gewänder beizuwohnen.
Das Drama um die Nonne mit der hochgezogenen Augenbraue und ihre vielen Mütter tun ihr Übriges
und fügen dem Mode-Dschungel die nötige Portion Gift bei. Moment mal, wo sind wir hier eigentlich…

(OT: “La Religieuse”, F 2013, Regie: Guillaume Nicloux, 100 Minuten)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s