Berlinale Palast – Sinfonie einer Hustschaft

Dark Blood von George Sluizer, Berlinale Palast donnerstagmittags. Pressevorführung.

Ein alterndes Schauspielerpaar in der amerikanischen Steppe, Autopanne, trifft auf Boy, seines Zeichens verwitweter, semi-indigener und voll-melancholischer Jungspund. Allerspätestens als sich eine Romanze zwischen Boy und der Schauspielerin zu entwickeln beginnt, entfalten sich diverse unannehmliche Unheimlichkeiten. In der Gegend wohnt weit und breit keiner mehr, da es dort vor einiger Zeit Atomtests gab und alles kontaminiert ist. Ebenso unangetastet war jahrelang das Rohmaterial des Films. Während der Dreharbeiten zu Beginn der 1990er verstarb der hochgehandelte Boy-Darsteller River Phoenix ebenso plötzlich wie unerwartet. Die für die Verluste aufkommende Versicherung deckelte daraufhin die Rechte und das Projekt erstarb gleichfalls. Eineinhalb Jahrzehnte später begann Sluizer dann doch noch mit der Montage und Reanimation des angestaubten Materials, ungedrehte Szenen wurden schlicht mit Filmstills und ruhigen Voice-Overs erzählt.

Diesem liebevollen Stückwerk sitzt an jenem Berlinale-Mittag eine Hundertschaft Journalisten gegenüber. Eine mehrheitlich gelangweilt wirkende Schar, beklagenswerter als eine pubertierende Schulklasse. Mobiltelefone, auf deren Klingeln hin wie selbstverständlich aufgesprungen und davongeeilt wird. Am Ende des Films – kaum dass Boy sein letzter Wunsch erfüllt worden ist – springen die Entnervten aus ihren unbequemen Sitzen und stürzen hinaus, wohl um sich freud- und anstandslos den nächsten Film reinzufahren und am Abend stenographiehafte Kritiken in die nächstmorgendlichen Blätter zu leiern.

Während des ritualisierten Kinokonsums produzieren sie dennoch etwas überaus Beeindruckendes: aus allen Ecken des Palastes schallen in Sekundenintervallen Huster in verschiedensten Formen. Klassisch bellend, halbherzig unterdrückt, rasselnd, donnernd, krachend, krächzend. Da es im Kino selten mehrere Unterbrechungen wie die Satz- oder Bühnenumbaupausen in klassischen Konzerten bzw. Theaterstücken gibt, wird solcherlei Reizen üblicherweise an den Rändern des Films, den Vor- und Abspannen nachgegeben; im Film selbst jedoch nur selten und zurückhaltend. Nicht so jedoch an diesem Donnerstagmittag. Im dumpfen Dunkel des Saals zelebriert die Presse eine gewaltige mitreißende Sinfonie. Ausgefeilt ist die polyphone raumumfassende Choreographie, besonders an den leisen Stellen des Films mit kräftigem Timbre. Die Filmhandlung treibt das Orchester zu Höchstleistungen, die staubige Steppe und atomar verseuchte Ruinen regen die Rachen der Ruchlosen an. Seinen dramatischen Höhepunkt erreicht das knapp 90-minütige sinfonische Meisterwerk, als Boy von seiner verstorbenen Frau erzählt. Erst hat sie nur etwas gehustet.

Nun könnte mein Sitznachbar, ein herausragend lautstarker Bariton, einwerfen, dass das Festival-Wetter traditionell ziemlich erkältungsförderlich sei, dazu der stetige Wechsel aus den kuschligen roten Sesseln hinaus in die graue Eisigkeit, der Schlafmangel etc. Außerdem würde ja auch in anderen Filmen gehustet werden. Ja, würde ich dann sagen, kann sein, aber nicht so. Auch durch das weite Halbrund des Friedrichstadtpalastes rollen vor und nach den Filmen friedliche Hust-Laolas, während der Projektionen sind jedoch nur vereinzelte Aufhuster vernehmbar. Alle paar Takte ist ein unterdrücktes Röcheln eingestreut, während im Berlinale Palast pausenlos leidenschaftlichste Sechzehntelnoten abgefeuert werden.

Es scheint für die Berlinale künftig also überlegenswert, für die Pressevorführungen Kooperationen mit internationalen Tee- und Hustenbonbonkonzernen anzustreben; oder aber nur noch Filme zu zeigen, die mindestens so LAUT wie der Panorama-Beitrag Upstream Color sind. Nicht jedoch, ohne zuvor dem Presseorchester die Bühne für ein würdiges Abschlusskonzert zu bereiten. Wie wäre es mit einem Stummfilm?

OT: „Dark Blood”, USA/NL 1993/2012, Regie: George Sluizer, 86 Minuten

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