Die Handschrift seiner Werkzeuge

Die Handschrift seiner Werkzeuge

Neben der eigenständigen Sektion Retrospektive werden innerhalb der Sektion Forum seit einigen Jahren auf der Berlinale in einem kleinerem Rückblick Filme von in Deutschland fast unbekannten japanischen Regisseuren gezeigt. In den zwei Jahren zuvor wurden Filme von Kawashima Yuzo und Mikio Naruse präsentiert, während die diesjährige Rückschau sich ganz dem Filmwerk von Keisuke Kinoshita widmete.

Kinoshita gilt als überaus produktiver Regisseur, der häufig zwei, manchmal drei und in einem Jahr sogar vier Filme drehte. International ist er bekannter als Naruse und Yuzo: Er drehte den ersten japanischen Farbfilm Carmen kehrt heim (Karumen kokyo ni kaeru, 1951)und war mit seinem Film Immortal Love ( Eien no hito, 1961) für den Oscar nominiert. Die Berlinale ehrte zudem 2005 den 100. Geburtstag der Shochiku, Japans ältester Film- und Studiogesellschaft, für die auch Kinoshita lange Zeit tätig war mit dessen Film Twenty-Four Eyes (Nijū-shi no Hitomi, 1954) in einer Sondervorführung.

War Keisuke Kinoshita vor dem Berlinale Filmfest für mich ein unbeschriebenes Blatt, haben sich seine Werke während des Festivals ziemlich zügig als eine verlässliche Quelle für filmische Qualität herauskristallisiert. Insgesamt wurden fünf Filme von ihm aufgeführt: Jubilation Street (Kanko no machi, 1944), Engagement Ring (Konyaku yubiwa, 1950), Farewell to Dream (Yuyake-gumo, 1956), Woman (Onna, 1948) und A Legend or Was It? (Shito no densetsu, 1963).

Die Filme lassen sich kaum in ein bestimmtes Genre einordnen. Auffällig ist eher die breite Vielfalt an unterschiedlichen Geschichten, die Kinoshita fähig ist filmisch zu vermitteln. Dazu zählen unter anderem mit Woman, ein Hybrid zwischen Road-Movie und Gangsterfilm, mit Farewell to Dream, ein Coming-of-Age Film oder mit A Legend or Was It?, ein japanischer inspirierter Western.

Eines haben sie jedoch alle gemeinsam. In allen spielt die Situation des Landes, dass sich im Krieg befinden Japans, eine wichtige Rolle. Dies steht mal im Mittelpunkt der Handlung und wird etwa in Jubilation Street an Hand einer städtischen Evakuation durchgespielt oder aber sie nimmt nur einen subtilen Einfluss auf die Geschichte: In Farewell to Dream gibt der sterbenskranke Vater dem Krieg die Schuld für die schlecht laufenden Geschäfte. Dieser sei ihm nach dafür verantwortlich, dass der eigene Fischhandel von der befahrenen Hauptstraße in ein kaum frequentiertes Hinterviertel verlegt werden musste.

Die Konflikte in den Filmen bestehen daher zwischen Menschen innerhalb der eigenen, japanischen Gesellschaft. Ein dualistischer Antagonismus von gut und böse ist jedoch selten klar erkennbar, weil die Schicksale aller dargestellten Personen miteinander verwoben und nachvollziehbar erscheinen. Es sind zumeist vom Leben gezeichnete Menschen, die der Ambivalenz zwischen ihrer Vorstellung von Welt und deren tatsächlichen Wirklichkeit erliegen und sich mit den vorgegebenen Umständen zu arrangieren versuchen. Das Sujet in den Filmen von Kinoshita variiert menschliche Probleme der sozialen Dimension wie Vertrauen, Familienzusammenhalt, Patriotismus oder Genügsamkeit. Dies zeichnet eine weitere Gemeinsamkeit aus, die als typisch für das shomingeki, der japanischen Form des Alltagsfilms, betrachtet werden kann.

Die Themen der gezeigten Filme sind zwar abwechslungsreich, die handwerkliche Handschrift ihres Regisseurs aber bleibt eindeutig. Kinoshita versteht etwas davon einen Spannungsbogen filmisch zu übersetzen. Woman handelt von einer Frau, die von ihrem kriminellen Liebhaber zur gemeinsamen Flucht gezwungen wird. Das Auf und Ab ihrer Beziehung, die Annäherung und das Abwenden der Protagonistin Toshiko von dem immer unberechenbarer werdenden Tadashi schlägt sich filmisch in Szenen nieder, die sich durch das diagonale Querstellen einer Landschaft, in der sich die beiden bewegen, auszeichnen. So laufen sie mal einen Berg hinauf und später wieder hinab, obwohl es sich dabei offenbar nur um eine um 45 Grad gedrehte Aufnahme einer horizontalen Landschaft handelt, die von einem Stativ aus schräg aufgezeichnet wurde. Es ist insbesondere die Einfachheit durch die dieses filmisches Mittel überzeugt.

Ein ähnlich einfaches, aber starkes Mittel sind die zügig montierte Einstellungen, in denen das Bild ganz plötzlich von einer Halb-Totalen auf eine Nahaufnahme des Gesichtes der Darsteller wechselt. Als Toshiko Tadashi hinterherruft, dass sie ihm nicht weiter folgen wird, dreht sich dieser ruckartig um und schaut sie wütend an. Sofort wechselt das Bild auf eine Detailansicht. Der plötzliche Schnitt verstärkt seinen hart gewordenen Gesichtseindruck und verleiht diesem Lebendigkeit in Form einer Plastizität seiner Emotion. Seine Wut wird dabei über die eigene Netzhaut taktil fassbarer. Der Film nutzt weiterhin die Montage gekonnt, um das Tempo seiner Erzählung beliebig zu manipulieren und zu steuern. Gerade darin liegt eine Stärke, die filmtechnisch beachtenswert umgesetzt ist. Am Ende des Filmes beweist die Montage den Rahmen ihrer erzählerischen Kraft. Toshiko versucht, nachdem ein großer Brand in der Stadt ausgebrochen ist vor dem sie töten wollenden Tadashi zu fliehen. Der Schnitt veräußerlicht authentisch und effektvoll die hektische Atmosphäre der alarmierten Stadt, in der die fliehende Frau unterzugehen droht.

Beachtenswert ist darüber hinaus auch, wie beispielsweise in Farewell to Dream die Kadrierung der Kamera es schafft die ganze Familie, bestehend aus sechs Personen, auf engsten Raum in nur einem einzigen Film-Bild einzufangen. Die Mise-en-scène ist nahezu perfekt ausrangiert und Bewegungen der einzelnen Personen durch die Räume des eigenen Hauses, die von der Kamera begleitet werden, gehen fließend ineinander über. Jegliche Montage wird zu unterbinden versucht und Schnitte finden sichtbar nur unter der Bedingung äußerster Notwendigkeit statt. Die letzte Sequenz verdeutlicht wie bewusst die Mise-en-scène genutzt wird, um das nicht überwindbare Dilemma seines Protagonisten zwischen Innen- und Außenwelt darzustellen, ohne es gedankenlos auszustellen.

Nach dem Tod seines Vaters, übernimmt Yoshiro widerwillig dessen Arbeit als Fischhändler. Kurz darauf erfährt er, dass sein bester Freund die Stadt verlässt und außerdem seine jüngere Schwester fortzieht, um dem gemeinsamen Onkel Gesellschaft zu leisten, der hierfür im Gegenzug die Familie mit finanziellen Mitteln unterstützt. Bedrückt begleitet Yoshiro die beiden zum Bahnhof. Als es Zeit wird sich zu verabschieden, erklärt er seine Schwester, dass er alles tun wird, um sie zurückzuholen. Von Trauer überwältigt rennt er davon. Das letzte Film-Bild fängt Yoshiro ein, wie er zwischen zwei Häusern mit seinem Rücken zur Kamera, schluchzend seinen Arm hochhebt und in die Ferne blickt. Statt seine Tränen und Trauer von vorne in einer Nah, Groß oder in einer Detailaufnahme zu zeigen, bewegt sich die Kamera nicht mehr aus der Totalen in der Gasse fort.

Der Film bewahrt so im gewissen Sinne die Distanz zu seinen Figuren, die er über die Erzählzeit so konsequent verfolgt hat und überlässt dem Rezipienten eine immersive Freiheit des Mitfühlens, die keinem evozierten Zwang des Betroffen-Seins durch filmische Erzähltechniken unterliegt.

Credits:

Kanko no machi (Jubilation Street). Regie: Keisuke Kinoshita. Mit Ken Uehara, Mitsuko Mito, Eijiro Tono, Chiyo Nobu u.a., Japan 1944, 73 Minuten.

Onna (Woman). Regie: Keisuke Kinoshita. Mit Mitsuko Mito, Eitaro Ozawa u.a., Japan 1948, 67 Minuten.

Shito no densetsu (A Legend or was it?). Regie: Keisuke Kinoshita. Mit Shima Iwashita, Mariko Kaga, Go Kato, Kinuyo Tanakau.a., Japan 1963, 83 Minuten.

Konyaku yubiwa (Engagement Ring). Regie: Keisuke Kinoshita. Mit Kinuyo Tanaka, Toshiro Mifune, Jukichi Uno, Kenji Usuda u.a., Japan 1950, 96 Minuten.

Yuyake gumo (Farewell to Dream). Regie: Keisuke Kinoshita. Mit Shinji Tanaka, Yuko Mochizuki, Yoshiko Kuga, Eijiro Tono u.a., Japan 1963, 83 Minuten.

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