Das Leiden der Lämmer

Uroki Garmonii, der erste kasachische Film in der Geschichte des Berlinale Wettbewerbs, ist eine virtuose Gesellschaftsstudie der einstigen sowjetischen Unionsrepublik. Wie zahlreiche andere Beiträge aus dem ehemaligen Ostblock, etwa der russische Dolgaya schastlivaya zhizn, der georgische Chemi Sabnis Naketsi oder der rumänische Gewinner des goldenen Bären, Poziția copilului, erzählt Uroki Garmonii die Geschichte eines hilflosen Individuums in einer Gesellschaft, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zunehmend und unaufhaltsam aufzulösen scheint. Soziale Vereinzelung und die Herrschaft krimineller korrupter Strukturen in sämtlichen gesellschaftlichen Feldern sind die unausbleiblichen Begleiterscheinungen; Brandungsfelsen oder Inseln wie Gemeinschaft, Freundschaft, Familie, Glaube und Liebe existieren noch pro forma, haben dem Schicksal der tragischen Helden in diesen Geschichten aber nichts mehr entgegenzusetzen. So bleibt den Figuren nur noch die totale Anpassung an das mafiöse System (Poziția copilului) oder die aussichtslose Radikalisierung (Dolgaya schastlivaya zhizn, Chemi Sabnis Naketsi, Uroki Garmonii). Waffengewalt, Schweige- und Schmiergeldzahlungen sind der Preis des Verfalls.

Während die neutrale Kamera (ausgezeichnet: Aziz Zhambakiyev) in Uroki Garmonii mal starr, mal sanft gleitend die streng komponierten Settings abbildet, durch die sich der schmächtige lammfromme Waisenjunge Aslan quälen muss, ist die Erzählung mit allerlei Motiven und Symboliken ausstaffiert. Määh.

Hinter einem flachen ärmlichen Häuschen sehen wir zu Beginn den jungen Protagonisten (Timur Aidarbekov), seine Großmutter und ein Lamm. Auf verschneitem Erdboden jagt er das Wolltier, ein rostiger Blecheimer und ein Messer künden vom Schicksal des Schafs. Verzweifelt rennt es auf die Lehmhütte zu, springt kraftvoll an der Wand empor, federt sich gekonnt ab, scheint für einen Moment zu fliegen… Applaus brandet auf im Kinosaal, dann plumpst es unbeholfen in den Schnee. Gelächter ob des missglückten Schafstunts, nur ein kurzer superpannenshowhafter Moment des Vergessens. Schon kurz darauf müssen wir mit ansehen, wie Aslan die Lammkehle aufschlitzt und das zappelnde Tier verbluten lässt, um es dann zu häuten. In einer Traumsequenz am Ende des Films sieht der Junge am Ufer eines breiten Flusses stehend den Vierbeiner anmutig über das Wasser galoppieren. Wieder lacht das Publikum auf, ein Ausdruck der Erleichterung nach 115 Minuten Ungerechtigkeiten, Grausamkeiten, Bitterkeit und Folter, die Aslan, sein neuer und einziger Freund Mirsain und viele andere Schüler in einem kasachischen Dorf erleiden mussten.

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Vom verlorenen Schaf, Lukas 15, 01-07

Schafe und Lämmer sind neben Tauben die populärsten Tiere der christlichen Ikonografie. Oft werden sie in der Bibel wie im Gleichnis Vom verlorenen Schaf den Menschen gegenüber- oder gleichgestellt. Schafe sind gutmütig, geduldig und unschuldig, hilflos und verletzlich. Wie Schafe leben auch Menschen in Gemeinschaften, die Unschuld ist ihr religiöses Ideal. In der christlichen Erzählung folgen sie Jesus, dem guten Hirten, der sich selbstlos und gerecht für jedes seiner Schafe einsetzt. Ohne Hirten irren Schafe und Menschen schutz- und orientierungslos durch ihre Umwelt.

In Uroki Garmonii ist Aslan hirtenlos zahllosen Demütigungen ausgesetzt. Früh wird er vom Schurken Bolat und den anderen Wölfen, die ihre Schafspelze nur halbherzig zur Tarnung tragen, zum schwarzen Schaf erklärt, ausgegrenzt und gemobbt. Waschzwang und spirituelle Rituale können Aslans Unschuld ebensowenig bewahren wie das Auftauchen des Städters Mirsain, in dem er zunächst einen Freund, bald schon einen Leidensgenossen findet.

Das bittermandelige Schafdrama des 29-jährigen Regisseurs Emir Baigazin erzählt und bebildert meisterhaft den aus der politischen Lethargie erwachsenen brutalen Alltag. Berührend berührt der Film unzählige Fragen: Wie viel kann und muss ein Mensch ertragen? (Wann) wird Rache legitim? In welchem Verhältnis stehen Gerechtigkeit und Recht? Was gibt es für Auswege, was kann den Zerfall stoppen? Der Film zeigt sich pessimistisch. Resolutes Handeln führt zu grausamer Bestrafung, Freundschaft zu doppelter grausamer Bestrafung; der Fisch stinkt vom Kopf her, das gesellschaftliche System krankt an seiner Wurzel, Polizei und Politik. Wie in Chemi Sabnis Naketsi bleiben den Leidenden nur noch fragwürdige Utopien und Träume.

OT: „Uroki Garmonii“ (Harmony Lessons), KAZ/D/F 2013, Regie: Emir Baigazin, 115 Minuten

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