50 Shades of Schnee

Ein überaus populärer und weit verbreiteter Irrtum ist, dass „die Sprache der Eskimo“ 50 oder gar 100 verschiedene Wörter für „Schnee“ besäße. Tatsächlich sprechen die arktischen Völker im nördlichen Polargebiet viele verschiedene Sprachen, in denen Adjektive und Adverbien oft mit  Substantiven zu einem Wort zusammengezogen werden (damit den Wörtern nicht kalt wird, könnte man meinen). Gelberschnee, Nervenderschnee  usw. Zusammengesetzte Substantive mit gleichem Hauptwort zählte der Begründer dieses Irrglaubens, Franz Boas, deutsch-amerikanische Ethnologe und Sprachwissenschaftler, ebenfalls einzeln. Neuschnee, Altschnee, Pulverschnee, Pappschnee, Feuchtschnee, Sulzschnee, Faulschnee, Schneematsch . Mit ein bisschen Langeweile und/oder Phantasie kann sich also auch jeder  Nicht-Eskimo ratzfatz 50 Wörter für Schnee ausdenken. Wem es dabei an Inspiration mangelt, der möge einfach einen Blick aus seinem beeiskristallten Februarfenster werfen. Und wer just einen anderen Monat, oder gar eine andere Jahreszeit verlebt – oder vom tristen, weil monoperspektivischen Fensterblick angeödet ist, dem ist Atanarjuat – The Fast Runner zu empfehlen.

Obwohl erst zwölf Jahre alt, ist Zacharias Kunuks Film von 2001 schon ein Klassiker des indigenen Kinos. Nicht umsonst war dieser ausnahmslos von Inuit geschriebene, produzierte, inszenierte und gespielte, 167-minütige Epos 2013 der Eröffnungsfilm der frisch ins Leben gerufenen Berlinale-Sonderreihe NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema. Faszinierend erzählt der Film die Inuit-Legende vom schnellen und gerechten Läufer Atanarjuat (ein Name, der sich, wie sich zeigt, übrigens hervorragend laut rufen lässt!). Etwas Magisches hat es, dass wir bei den Darstellern nie so recht wissen, ob sie jetzt fälschlicherweise in die Kamera lächeln oder ob „die da oben“ in der Arktis das nun mal so machen, wenn sie gleich ihr gegenüber erschlagen wollen. Unterhaltsame  Momente in denen  uns bewusst wird, wie wenig wir eigentlich über jene Völker wissen, außer eben, dass sie 50 verschiedene Wörter für Schnee kennen.  Was den Film aber vollends besonders macht, ist die Kraft des Schnees auf der Leinwand, der alle Sinne affiziert und verschiedenste erzählerische und filmische Funktionen bekleidet. Zehn keinesfalls erschöpfende Formen von Filmschnee, Vorsicht!, nicht ganz klisch(n)eefrei:

  • Dramaturgieschnee: Die An- und Abwesenheit von Schnee teilt den Film drei Teile. Zunächst die relativ einträchtige Existenz im Schnee, an dessen Ende Atarnajuat Oki, den Sohn des Häuptlings im Kampf um die Hand der schönen Atuat besiegt. Dann Tauwetteratmosphäre, viel Erdboden mit Schneeresten, als Atarnajuat allein zur Jagd gehen muss und sich dabei die Schwester seines Erzfeindes Oki, Puja, als Zweitfrau einhandelt. Der Konflikt bahnt sich an. Am Ende des zweiten Teils  schließlich multiple Konflikte und die Fluch Atarnajuats. Eine Flucht in den Schnee des dritten Teils, schließlich die triumphale Rückkehr, weißes Finale und Happy End.
  • Knirschender Schnee: Eine Freude ist es, die Ohren zu schließen. So lässt sich eine einzigartige Stapf- und Stampfsinfonie belauschen. Die Geschwindigkeit, die Ziele, die Emotionen werden hör- und erfahrbar.
  • Restschnee: Der Rückstand am Schlitten und an den Hosenbeinen indiziert die Reisegeschwindigkeit. Noch ästhetischer sind die Eisreste an den Bartenden der Jäger.
  • Bauschnee: Ziemlich präzise bekommen wir vorgeführt, wie man ein Iglu baut. Wichtig: Immer wieder mit Wasser befeuchten!
  • Gleitschnee: Damit der Schlitten optimal durch die Eiswüsten gleitet, präpariert man die Kufen mit geschmolzenem Schnee. Die Inuit benötigen keine ausgefeilten Wachs-Präparate wie nordische Wintersportler.
  • Liebeleischnee: Da man im Iglu selten allein ist und es ja sonst ohnehin überall kalt ist, kann man  auch vortrefflich im Schnee kuscheln und herumtollen.
  • Kampfschnee: Eine interessante Frage: Veranstalten arktische Völker dann und wann Schneeballschlachten? Im Film jedenfalls nicht. Dafür finden aber Kämpfe im Schnee statt. Mit dem Vorteil, dass der Verlierer wenigstens weich fällt.
  • Schneespuren: Wie Sand und weicher Waldboden eignet sich Schnee optimal zum Spuren legen und lesen, auch wenn das im Film mehrmals misslingt. Blut (Schneewittchen-Reminiszenz?) und Urin hinterlassen die schönsten Farben.
  • Konservierungsschnee: Am Nordpol floriert die Kühlschrank-Industrie wohl kaum. Das Fleisch erlegter Robben wird schlicht vor der Iglutür zwischen Schneeplatten gelagert.
  • Hintergrundschnee: Obgleich es selten, und dann auch nur in winzigen Flöckchen, schneit, erstrahlen die Hintergründe des ersten und dritten Teils monochrom weiß. Die Protagonisten treten in dieser Landschaft in ihren braunen und beigen Fellkleidern deutlich hervor.

Unbedingt anschauen und ergänzen!

 

OT: „Atanarjuat – The Fast Runner”, CAN 2001, Regie: Zacharias Kunuk, 167 Minuten

mehr indigene Filme und Informationen auf http://www.isuma.tv/

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