Auf der Spur des Anderen

Der Schauspieler ist es gewöhnt, Rollen anzunehmen, in den Anderen zu schlüpfen, um ein Teil von ihm zu werden. Im Film Maladies geht es um besonders andere Menschen, nämlich – wie der Titel schon vermuten lässt – um Kranke und Wahnsinnige, also allgemein gesprochen, wie es seit Foucault üblich ist: um den Anderen. Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Anderen zu Wort kommen zu lassen. Heute Morgen erreichte uns dieser Leserbrief…

 

Lieber James,

der Film, der zu Deinem Porträt wurde, weckt in mir ein Gefühl des Wohlwollens – und gleichzeitig auch der Traurigkeit. Die wohlwollende Anerkennung Deiner edlen Gedanken konkurriert mit einer melancholischen Schwermut, die mich überkommt, wenn ich sehe, was Dir widerfahren ist. Beides schwingt in meinem eigenen Gemüt, weshalb ich nun versuche, mich Dir, treuer James, zu offenbaren.

Schon früher war man der Meinung, Kreativität und Genie bedingen eine Prise Wahnsinn, was wohl stimmen mag, denn auch du oszilliert eben zwischen jenen Kategorien. Welche Art oder spezifische Form des Wahns Dich von Zeit zu Zeit übermannt, das vermag ich nicht zu sagen, denn dein Schöpfer hat Dich mit der größtmöglichen Vielfalt an Attributen ausgestattet, die die Gesellschaft gemeinhin als wahnsinnig etikettiert, da sie deren Anforderungen disfunktional gegenüber stehen, Du also, direkt gesagt, nicht zu gebrauchen bist, was ich sehr bedaure! Auch dein Genie bleibt im Dunkeln, ist dem Verborgenen vorbehalten, da Du dein Werk nicht zu vollenden vermochtest, im Gegenteil, noch immer auf der Suche warst, nach dem einen genialen Gedanken, der deine schöpferische Arbeit durchziehen sollte. Daher enthalte ich mich der Beurteilung des für und wider eines genialen Querkopfes oder eines nicht überlebensfähigem Entrückten, eines im Wahn Entschwundenen. Es sind sowieso schon zu viele Urteile gesprochen worden, deswegen verzeihe mir diese Enthaltung, treuer Freund! Vielmehr möchte ich Dich für etwas würdigen, was du erkannt, gelebt und zuletzt perfektioniert hast! Und das ist die Erkenntnis des Anderen! Gerade Du, der im Verdacht steht, der Welt und ihrer Gesellschaft entflohen zu sein, gerade Du, dem vorgeworfen wird, sich im eigenen Selbst isoliert zu haben, erkennst die Macht des Anderen, das Wechselspiel der Identitäten und die falsche Genugtuung der Stabilität. Dafür gebührt Dir und deinem Film Maladies meine Anerkennung, der nebst verschiedenster Belanglosigkeiten doch eben dies zu Tage fördert!

Das berühmte Rimbaudsche Bonmot „Je est un autre“ – ist das der vielsagende Satz, dem Du Dich verschrieben hast? Du bist und bleibst nicht nur anders, sondern Du veränderst Dich auch ständig in eben dieser Andersheit. Du hast zwar nur ein Herz, aber nicht eine Identität. Fortwährend auf der Suche nach Dir selbst, bemerkst Du in deinen Brüchen und Rissen, dass Du immer ein Anderer warst und wirst. Denn Du bist nie stabil und kohärent, nie abgeschlossen, de-finitiv, sondern immer in Bewegung auf den Spuren der Andersheit. So glaube ich Dich verstanden zu haben. Und auch über Deine Grenzen hinaus verwirklichst Du Dich, James! Die Offenheit deines unvollendeten Werks, die von Dir als Bürde empfunden wird, gibst Du weiter an den Anderen, an Catherine, Deine Freundin, Deine Vertraute. Sie soll es sein, die Dein Schaffen komplettiert, umgekehrt wäre es genauso gewesen, das besagt euer Pakt, das Bündnis mit dem Anderen. Aber es sagt noch viel mehr: In der Praxis der Zukunft kann der Andere das Ich ausfüllen, so der Plan, den Du verfolgst. Wie verrückt mag es klingen, Du kannst sehen, willst aber die Blindenschrift erlernen und doch nur das Wesen des Anderen verstehen, es in Dich aufnehmen. Derrida begründet den entsprechenden Effekt, den Mehrwert so:„Um etwas zu bewirken, muss man über das hinausgehen, was man beherrscht.“ Gar nicht genug lässt sich dein Vorhaben preisen, besonders aufgrund der Steine, die man Dir in den Weg legt. Der Film, in dessen Zentrum Du stehst, ohne selbst Zentrum zu sein, denn Du bist ja ständig in Bewegung, zeigt es: Du bist entschlossen den Anderen zuzulassen, ihn ‚florieren‘ zu lassen, ihn über alles zu stellen. Doch der Film zeigt Dich manchmal auf Irrwegen, auch das ist sein Recht, dann das ist ebenso Teil von Dir. Meine Verbundenheit wird bleiben, denn ich halte es mit Cicero, „im wahren Freund erblickt jeder das Abbild seines eigenen Ichs.“

Dein treuer Begleiter

Der Andere

 

(OT: Maladies , R: Carter, USA 2012)

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