Der schlammige Lustkampf – Ready to Rumble?

Verfolgungsjagd im Wald – sie windet sich durch die Bäume – er hastet hinterher – ihre Blicke treffen sich – Eintracht – plötzlich liegen sie im Schlamm – suhlen sich wie wilde Schweine – wälzen sich im nassen Schlick – der Kleider entledigt – die Körper bedeckt mit Dreck – nackte Haut blitzt hervor – der Kampf beginnt – er drückt sie nieder – von der Lust übermannt – die Schlammpfütze platscht durch den Aufprall – sie reckt die Gliedmaßen von sich – ihr Begehren schreit auf – sein Kopf auf ihrem Unterleib – Liebkosungen – animalisches Stöhnen und Keuchen – sie sitzt auf ihm – die Arme umeinander geschlungen – Koitus – Schnitt.

Obwohl die Parallelen unverkennbar sind, ist dies nicht etwa ein Erlebnisbericht vom letzten mud wrestling event, denn der dort praktizierte Ringkampf findet anders als hier zumeist nur unter leichtbekleideten Frauen statt. Zur Freude der Männer duellieren sich die kampfesdurstigen Kontrahentinnen bis zur unweigerlichen Kapitulation einer zu ermittelnden Verliererin. Der Stimulans des maskulinen Voyeurs ergibt sich eher im Betrachten des verdreckten, nackten Fleisches seiner Lustobjekte, die mit roher Körpergewalt den Triumph über ihresgleichen zu erzwingen trachten. Am Schlammcatchen zeigt sich ein Begehren nach blanker ‚Weibeskraft‘, die sich in der oben beschriebenen Szene widerspiegelt. Allerdings hat sich diese ganz woanders zugetragen, nämlich in der französischen Filmromanze Mes séances de lutte.

Nun, der Titel lässt es nicht unbedingt vermuten, aber es handelt sich tatsächlich um eine Liebesgeschichte, wenn auch um eine der absonderlichen Art, da das Begehren des Paares sich fortwährend als Praxis rabiater Kampfeshandlungen entlädt, die entgegen der gängigen Meinung wohl nicht als Akte der Liebe bezeichnet werden können. Liebe und Kampf scheinen auf den ersten Blick wie ein Gegensatzpaar, da der Begriff Kampf impliziert, dem Gegner zu schaden, ihn vernichten zu wollen, während hingegen die Liebe den Partner beglücken, ihn reicher machen soll. Doch das ist natürlich nur eine einseitige Betrachtung, der Begriff des Kampf-Partners zeigt die Benachbarung von Liebe und Kampf, genau wie auch der Beziehungsstreit die Kampfbereitschaft der Liebenden belegt. Mes séances de lutte verknüpft diese vermeintlich gegensätzlichen Pole und gibt sich ganz dem Lustkampf hin, mehr noch, zelebriert ihn und ist in dieser Hinsicht ein außergewöhnliches filmisches Erzeugnis.

Der zweitrangige Rest stellt sich wie folgt dar: Sie (Sara Forestrier) und Er (James Thiérrée), zwei Namenlose, treffen sich in einem französischen Dorf, in dem er lebt und in das sie – wegen einiger Erbschaftsangelegenheiten ihres verstorbenes Vaters – zurückkehrt. Schon früher scheinen die beiden angebandelt zu haben, jedoch hat sie ihn zurückgewiesen, jedenfalls geht das so halbwegs aus ihrer verbalen Kommunikation hervor. Diese ist es auch, die den wenig ertragreichen ersten Teil des Films bestimmt. Ihre Dialoge bleiben bisweilen kryptisch und streben scheinbar nicht wirklich in Richtung eines verständlichen Kontextes als Plot. Wahrscheinlich ist das auch nicht entscheidend, denn die beiden finden schnell eine andere Kommunikationsform zur Verständigung. Das Gespräch weicht dem Lustkampf!

Dieser findet in regelmäßigen Abständen statt. Anfangs belauern sie sich noch, starren einander an; die körperliche Anspannung ist allerdings schon spürbar, bis sie schließlich explodiert. In allerlei Variationen führen die beiden Tritte, Schläge und jederlei andersartige Bewegungen aus, die den Körper des Gegenübers zum Ziel haben. Erst nach einigen Sitzungen (séances) kulminiert das Kampfgeschehen dann im Geschlechtsverkehr. Zwischen den beiden Kontrahenten und doch auch Partnern und Liebenden hat sich ein Ritual etabliert, das beim Betrachter ebenso Anspannung erzeugt, da Forestier und Thiérrée mit dem nötigen ‚Biss‘ und Elan bei der Sache sind und keinesfalls den Eindruck eines Schaukampfes erwecken wollen. Am Ende darf man dann auch wirklich von einem Liebesfilm sprechen, denn es wird ja schließlich leidenschaftlich geliebt. Allerdings wäre dann wohl ein neuer Genrebegriff, des ‚Lustkampffilms‘ etwa, bei weitem angebrachter.

In jedem Fall zerschmettert dieser französische Panorama-Beitrag allerlei Klischees vom romantischen Frankreich, symbolisch und real vergegenständlicht als Rendezvous, als amouröses Tête-à-tête, als Erleiden der maladie-amour, als letzte Bastion des homme á femmes und umgekehrt der femme fatale, in der Tradition der étiquette und nicht zuletzt der Stadt der Liebe, die bekanntlich die Hauptstadt des Landes ist. Dass der Franzose selbst, sie die Stadt des Lichts nennt, spricht schon Bände über die Phantasmen, die sich anderswo manifestiert haben. Zweifellos dürfen wir davon ausgehen, dass die beiden Lustkämpfer die letzten wären, die nach Paris turteln würden, um dort auf der Pont des Arts ein Schloss mit Edding-Inschrift als Zeichen ihrer Liebe zu befestigen. Das in Mes séances de lutte vorgezeigte Bild einer Liebe als Kampf, einer wahren amour fou, ist doch vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Erste Hinweise darauf gibt Sara Forestier selbst in einem Interview, das Männern Hilfestellungen für die Eroberung französischer Frauen geben soll: „French women are like magnets. Sometimes we attract; other times we repulse. We are alternately hot and cold. Distant and passionate. […] mysterious.“ Was sich hinter diesen Worten versteckt, wird im Lustkampf ersichtlich. Die angesprochene Distanz vor und nach dem Aufeinandertreffen, der magnetische Lockruf, der den männlichen Körper zum Duell herausfordert und natürlich das Mysterium der kämpfenden Frau: All das erkennen wir auch in zahlreichen zeitgenössischen sogenannten romantischen Komödien, wo erst die Intrige, das Verkennen, der Graben- und Geschlechterkrieg zur amourösen Verschmelzung führen: Liebesduell und/ als Liebesduett.

Und auch ein Ratschlag für das Mannsbild liefert weiteren Aufschluss: „But romanticism is a fantasy that has no place in real life. French women don’t fall for it. You must be falsely romantic.” Nun also ist es gesagt, nicht mal mehr die Französin frönt noch der Romantik. Diese verabschiedet sich ins Reich der Imagination, während andererseits vielleicht der Lustkampf dort gerade herkommt und sich zunehmend seinen Weg in die Realität bahnt. Zwar schweigt die Forestier zum Phänomen des Schlammcatchens, aber gewiss darf man insgeheim davon ausgehen, dass sie nichts lieber wünscht, als sich einer gepflegt schlammigen Kampfeinlage und der darauf folgenden Kopulation hinzugeben. Let’s get ready to rumble!

(Zitate von Sara Foerstier aus: http://www.esquire.com/features/qa/french-women-dating-tips, abgerufen am 14.4.2013)

(OT: Mes séances de lute, R: Jacques Doillon, Frankreich 2013)

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