Welch Brimborium – ein kleines onomatologisches Potpourri zu FRAKTUS

Die freie Wahl ist ein hohes demokratisches Gut, nicht nur im politisch partizipatorischen Sinne, sondern hinsichtlich vielerlei Entscheidungen wie zum Beispiel der Namensvergabe. Beim Zunamen quasi vollkommen dem Schicksal einer meist unbekannten Ätiologie ausgeliefert, darf man beim Vornamen noch auf den ‚guten Willen‘ der Eltern hoffen. Die Regel besagt nicht nur, dass die Eltern den Namen auswählen, sondern auch dass diese sich an gewissen ethischen und ästhetischen Leitlinien zu orientieren haben, die etwa eine Konstruktion wie Dieter-Miguel verhindern sollen. Ist man dennoch vollkommen unzufrieden, bietet der Gesetzgeber einem immer noch die Wahl eines sogenannten Künstlernamens. Ganz frei, ja geradezu kreativ, wird das Auswahlverfahren aber erst bei der Wahl eines Bandnamens. Dort sind keinerlei normative und kreative Gesetzen gesetzt, was zu den absurdesten Namen führt. Hinzu kommt, dass die Geburt der Bandnamen oftmals mit einer ausgefallenen Anekdote – die entweder von den Bands selbst lanciert oder aber von Fans ersponnen wurde – verbunden sind. Wichtiges Gebot hierbei: Das Namensmysterium sollte niemals gelüftet werden, um der Mythenbildung, die sich um Musikergemeinschaften ranken, nicht entgegenzuwirken. So auch bei den Techno-Industrial-Urvätern FRAKTUS. Anlässlich ihres gleichnamigen Films, der im Kino angelaufen ist, eine kleine onomatologische Spurensuche.

Der Film selber liefert selbst nur einen kleinen Hinweis, dem wir aber nachgehen werden, fest steht jedenfalls, der Name FRAKTUS selbst ist gewissermaßen nur das Endprodukt eines langen Vorlaufsprozesses. Hier lässt sich leicht ansetzen, denn auf der untersten Stufe der Karriereleiter stehend, sind FRAKTUS noch zu zweit. Die Entscheidung zur Gründung einer Band erfolgt auf dem Dachboden von Dickies Großmutter im ländlichen Brunsbüttel. Aus dem Eifer der Euphorie heraus einigt man sich, den Namen der Band abhängig vom ersten gemeinsamen Abendmahl zu machen. Zu ihrem Pech gibt es an jenem Abend SCHWAZSAUER – ein in manchen Regionen noch kredenztes Gericht, bei dem Schweineblut mit Essigsud gerinnt und daher eine schlackig schwarze Farbe annimmt. Zu allem Übel ist Dickie seit je her kein großer Freund des Schwarzsauer, sodass die Freunde sich darauf verständigen – als Vorschlag zur Güte gewissermaßen – Bernds Großeltern aufzusuchen und zu schauen, was es dort auf dem Teller gibt. Dazu muss vielleicht kurz erwähnt werden, dass die Großeltern viele Jahre zuvor auf spektakuläre Weise – sie kaperten einen Zeppelin – aus der DDR flohen, was zugleich erklärt, wieso an diesem Abend Soljanka aufgetischt wird. Das ist die hier erstmals dokumentierte Geburtsstunde der Band SOLJUNKIES.

Die lässt sich so nacherzählen: Das nun frisch benannte Duo experimentiert mit ersten selbstgebauten Instrumenten und hypnotischen Melodien, aber ihren eigentlichen Durchbruch erreichen die Macher von Platten wie Tut Ench Amour erst, als Thorsten Bage dazu kommt. Dieser weigert sich aber, unter dem Namen SOLJUNKIES zu spielen, und deshalb kommt es zu folgendem Kuriosum: Bages Oma erklärt sich bereit mit einem Gericht ihrer Wahl gegen die eigentlich als unschlagbar geltende Soljanka von Wands Oma anzutreten. Niemand weiß allerdings, dass Bages Oma lange vor ihrer Pensionierung als Beiköchin bei einem haute-cuisine Koch in der Provence tätig war, sodass sie in der Lage ist, mit einem Hühner-Frikassee den Wettstreit für sich zu entscheiden. Dickie und Wand müssen eigestehen, dass es ob des bezaubernden Geschmacks des Frikassees wohl die beste Entscheidung sei, die Band FREAKAZEÈ zu taufen.

Sie erlangen in der Folge schon etwas größere Bekanntheit, denn ihr Sound ist ungewöhnlich aber einzigartig. Fortan füllen sie die ersten kleinen Hallen, zwar zumeist als Vorgruppe, aber dennoch, scheint der Weg zu Ruhm und Erfolg geebnet. Doch wieder einmal läuft nichts reibungslos, und die nächste Zäsur der Band sollte alsbald folgen: Der erste Auftritt vor einem großen Publikum steht an, die Eintrittskarten sind restlos ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt werden horrende Preise erzielt. Der Film FRAKTUS erzählt dieses Kapitel des Ensembles übrigens sehr eindrücklich mit zum Teil ergreifenden Zeitzeugenberichten heute anerkannter Musikgrößen wie HP Dexter. Jedenfalls also kurz vor dem großen Auftritt durchkreuzt den Aufstieg der Band ein folgenschwerer Zwischenfall. Der leicht zur Hypochondrie neigende Bernd glaubt, sich bei beim Proben einen Finger gebrochen zu haben, weshalb es für ihn unmöglich scheint, den Auftritt wahrzunehmen. Dickie und Bage sind zutiefst erbost – zurecht, denn Bernds vermeintliche Verletzung ist eine aus Lampenfieber und Versagensangst entstandene Blessur. Es hilft alles nichts, der Auftritt muss abgesagt werden, stattdessen spielt eine weitaus konservativere Band. FREAKAZEÈ steht kurz vor der Auflösung, die Spannungen innerhalb des Trios sind kurz vor dem Siedepunkt. Doch wieder einmal hat das Schicksal eine Wendung für sie parat. Bei dem Konzert der Band SURROGUYS, die kurzfristig für sie eingesprungen ist, kommt es zu einem folgenschweren Brand. Viele Menschen werden verletzt, einige müssen sogar mit schwersten Rauchvergiftungen im Krankenhaus behandelt werden. SURROGUYS verschwindet abrupt wieder im Abgrund, und es schlug die Stunde von…

Irgendwie schockiert und zugleich glücklich, nicht betroffen vom schweren Brandunglück zu sein, deuten die Bandmitglieder Bernds Verletzung als übersinnlichen Wink aus dem Jenseits und beschließen, die Band ein weiteres Mal umzubenennen. Da Knochenbruch als Name wohl etwas zu martialisch klingt, einigt man sich rasch auf FRAKTUS (Erst Jahre später erfuhr die Band, dass Fraktur der entsprechend richtige  Terminus gewesen wäre.) Nichtsdestoweniger ist dies also die Geburtsstunde von FRAKTUS. Fortan machen sie sich schnell einen Namen und bespielen die Hallen der durchdrehenden Republik.

Alle Behauptungen, dass es sich bei KRAFTWERK – man bemerke das Anagramm des ersten Teil des Wortes zu FRAKT-US – um die Nachfolgeband handelt, sind zu dementieren. Weitere mehr oder minder wertvolle Informationen entnehmen Sie bitte dem mit gewaltigem Wortwitz ausgestatteten Film FRAKTUS. Beachten sie aber bitte zugleich, dass es sich bei der Darstellung – ebenso wie bei diesem Text –  mehr um ein Sammelsurium, mehr noch ein Brimborium denn um einen Tatsachenbericht handelt und halten Sie sich fern, wenn Sie es mit der Wahrheit zu genau nehmen, denn die freie Wahl erlaubt zum Glück nämlich auch die Lüge.

(OT: FRAKTUS – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte, R: Lars Jessen, Deutschland 2012)

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