Gänge der Liebe

Image

Das 8. Kinoheft an der Bauhaus Universität ist am Freitag den 12. Juli erschienen. Eigenartig, dass es einen konkreten Ort des Erscheinens für jedes Druckerzeugnis gibt, das Lichthaus, den alten Schuppen, der so gemütlich ist, wie er gedacht ist: wenn du im Samtsessel sitzt, bist du nicht beim Rundgang, du schaust keine Bilder an, du redest mit keinem. Wie schön, wieder an einem Computer zu sitzen! Wer ein Heft über Filme macht, tut so vieles nicht, was man tun kann, um sich über Filme zu äußern. Undurchsichtig wie ein Samtsessel und vielleicht genauso sehr in Gefahr, nichts als rausgeschmissenes Geld zu sein, Camp zu sein – man muss ja keine Hefte mehr machen heutzutage.

Zur Premiere zeigten wir „Computer Chess“, einen Film von Andrew Bujalski, der von einem Schachcomputer-Turnier von 1984 erzählt mit Bildern einer Filmkamera aus den frühen 70ern. Wie groß war meine Angst vor camp, als ich das gehört habe! Der Begriff „Camp“ selbst stammt schon aus einer Zeit, die vor meinen Augen Avenues entstehen lässt, die ich niemals werde sehen können, Läden und Wohnungen. Wenn der Begriff schon so alt ist: ist es nicht dreifach camp, in einem Kino anlässlich des Erscheinens eines Hefts für Filmkritik ausgerechnet einen solchen Film zu zeigen? Könnte man nicht gleich aufgeben, zu leben und beginnen, nur noch zu lesen, zu rauchen, Kaffee zu trinken in einer kleinen ärmlichen Wohnung und die Avantgardisten zu verehren, Mallarmé und diese Leute, nur noch Schwarz-Weiß-Fotos und -Filme zu akzeptieren?  Wie kann man die 70er Jahre überspringen, ohne tödlich verwundet, stumm und blind, zu werden?

„Computer Chess“ ist wirklich wie eine Nacht, in der man nicht schlafen kann und herumläuft und vieles sehen kann, was man nicht erlebt hat und zugleich doch erlebt hat, allem begegnen, das man sich nur vorstellen kann, es ist ein wenig wortgewaltiger und wenig scharfsichtiger Film, alles sehr trüb – aber es geht darin die Liebe spazieren und die Liebe ist so herrlich, dass sie allein jede Aufmerksamkeit wert ist. „Computer Chess“ sollte viele, viele Stunden länger gehen, eine endlos scheinende Nacht, an deren Ende man zurückkehren kann in die eigene Welt. Etwas ist geschehen, ich frage mich nicht mehr, ob man noch Hefte machen kann. Es war eine große Freude.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s