Searching for Super Man

Zugegebenermaßen: Die Symbolik des Vorspanns von Searching for Sugar Man besticht gerade in  ihrer Offensichtlichkeit. Wer kennt sie nun, im Sommer 2013, noch nicht, die Geschichte, den Mythos von Sixto Rodriguez?

So setzt es sich zusammen

Im Vorspann also stehen in einem abstrakten dunklen Raum separate Miniatur-Fassaden einer Stadt, Detroit, wie sich herausstellen wird. Das hat etwas von einem frisch ausgepackten, vorsortierten, doch noch nicht zusammengesetzten 3D-Puzzle. Alle paar Sekunden wechselt mit einem Schnitt die Fahrtrichtung der umsichtig um die Puzzleteile ziehenden Kamera, durch das schwarze Nichts der Zwischenräume gleiten die weißen Credits (Produzenten, Titel etc.), verschwinden mal hinter den Fassaden um sogleich auf der anderen Seite wieder hervorzutauchen. Am Vorspann-Ende distanziert sich die Kamera von den einzelnen Teilen  und in einer letzten Wendung wird offenbar: In dieser einen, schlussendlichen Perspektive fügen sich all die separaten Bruchstücke zu einem (allerdings) zweidimensionalen Ganzen.  Im Gegensatz zu handelsüblichen Puzzles ist dieses Vorspann-Puzzle ein rein optisches, perspektivisches Spiel. Wie in einem Puzzle mit Verzahnungen sind die Ränder der einzelnen Teile für einen kurzen Moment noch deutlich sichtbar. Wir befinden uns im Grenzbereich zwischen Vorspann und Film, die untermalenden Sythie-Streicher sind in ihren letzten Zügen, die Ränder werden in einer irgendwie hakligen[1] Überblendung unsichtbar. Der Film tilgt die Leerstellen, kittet die Bruchstücke und macht die Übergänge unsichtbar – die Erzählung kann beginnen.

Nach dem Prinzip der Tilgung und Verklebung funktioniert dann auch die dokumentarische Narration, die Aussagen der amerikanischen Produzenten, Kollegen und Familienangehörigen fügen sich mit denen seiner südafrikanischen Fans  zum mächtigen Heldenbild des körperlich hart arbeitenden Freigeistes, der – in Amerika völlig verkannt – unerahnterweise ein südafrikanischer Superstar ist. Man kommt kaum umhin diese Geschichte, “wie sie nur das Leben schreiben kann”, radikal infrage zu stellen.

Das Auftauchen des Sixto Rodriguez jedoch pulverisiert den Argwohn augenblicklich. Er erscheint zunächst geisterhaft hinter dem Fenster seiner einfachen backsteinernen Erdgeschosswohnung, es ist kalt, er öffnet das Fenster, blickt hinaus. Kurz darauf sitzen wir mit ihm auf ein Glas Wasser am Tisch, über dessen Kante der Verkannte sofort alle Zweifel wischt. Rodriguez ist überwältigend gleichmütig. Der Film hat bis hierhin sorgsamst sein Heldenbild zusammengepuzzelt, nun steht der Held vorm Bild und zuckt mit den Schultern. Was er davon halte, dass er in Südafrika Stadien hätte füllen können, während er, oh Ironie des Lebens!, in einer amerikanischen Arbeiterstadt jahrzehntelang Bruchbuden abriss. Dass seine Musik die Apartheit besiegte, während er verrostete Kühlschränke buckelte. Er lächelt, antwortet nicht, erbittet die nächste Frage. Er lächelt, während die anderen Protagonisten ihre sorgenvollen Köpfe schütteln über die Ungerechtigkeit des Schicksals. Er lächelt und macht die Grenzen des filmischen Puzzles wieder sichtbar.

Geschichtsschreibung, Mythenbildung, das ist: engstirniges, zweidimensionales Puzzeln. Rodriguez‘ Leben, wie es sich nur in seiner Präsenz darstellt, ist: ein Sein für jeden neuen Tag ohne wehmütiges Zurückschauen, gegenwärtig, genügsam. Ein Leben, dessen Brüche und Risse offen bleiben; nichts kann erklärt und fixiert werden, nichts muss verklärt und fingiert werden.


[1] Vielleicht ist es aber auch nur der noch recht frische Eindruch der Megatrickblende am Vorspannende von Scorseses Hugo Cabret (siehe: hier), der dieses Gefühl der Hakeligkeit evoziert.

 

OT: “Searching for Sugar Man”, Regie: Malik Bendjelloul, GB/SWE 2012, 86 Minuten.

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