Welt, oh du altes schwarzes Loch! – Kid Thing

Vorab (kann aber auch gut danach gelesen werden):

Ich finde es wahnsinnig faszinierend wie sehr ich (man?) mit alten Texten fremdeln kann. Dadurch dass zwischen dem Verfassen eines Textes und seiner Wieder-zur-Hand-Nahme (wenn überhaupt!) oft viel Zeit verstreicht, ist eine unheimliche Distanz zwischen dem Jetzt-Ich und dem damals schreibenden Ich zu spüren. Im Alltag sind solche Diskrepanzen, solch einschneidende Veränderungen hingegen kaum spür- oder erfahrbar, obwohl einem das ja permanent von der Gesellschaft vorgegaukelt wird (Jetzt kommst du in den Kindergarten/die Schule/aufs Gymnasium/ an die Uni, jetzt hast du Jugendweihe, Zivildienst, Bartwuchs usw., jetzt fängt er an, der! Ernst! des! Lebens!) So isses aber irgendwie nicht, auch wenn man natürlich mal infrage stellen kann, was man vor Monaten anders gesehen oder getan hat; meist ist die Erinnerung da aber schon löchrig wie ein gutes Nudelsieb.

Beim Betrachten von Fotos kann man sich zwar prima drüber wundern, was für eine alberne Frisur man denn im Sommer 2006 trug oder was für eine dämliche Cord-Latzhose, aber Gedanken oder Gefühle werden nur auf den wenigsten Fotos ablesbar.

Anders beim Text. Vielleicht ist das Fremdheitsmoment dann besonders eklatant weil ungewohnt, wenn man nie Tagebuch geschrieben hat  (dazu übrigens: Menschen, die regelmäßig Tagebuch schreiben leiden laut britischen Studien häufiger unter Kopfschmerzen und haben eine schlechtere Gesundheit). Immer ist was auszusetzen, wähnt man sich dem damals Schreibenden überlegen und grämt sich im selben Moment ein wenig für diese seltsame Empfindung. Nur selten möchte man ihm anerkennend auf die Schulter klopfen oder vergleichbare Anerkennungsgesten zuteilwerden lassen. Die geschriebenen Gedanken sind teilweise nachvollziehbar, manchmal gar interessant, doch ihre Formulierungsweise fast immer fahl, dumpf, schlecht.

Da das im Grunde seit ich mein Geschriebenes lesen kann so ist, frage ich mich ernsthaft, ob das irgendwann aufhört und wenn ja, was das dann zu bedeuten hat. Über Hinweise und diesbezügliche Erfahrungsberichte freue ich mich.

Jetzt kommt jedenfalls endlich mein (kopfschüttelnd leicht überarbeiteter) Filmteaser zu Zellners Kid-Thing, den ich vor eineinhalb Jahren bei der vorletzten Berlinale schrieb. Ich meine mich zu erinnern und entnehme dem Text, dass ich den Film damals ziemlich gut fand. Jetzt kommt er endlich! nächste Woche (22. August) in die Kinos und ich trau mich nicht so recht das Werturteil zu verifizieren. Schauts euch an, mein Februar-2012-Ich trägt die volle Verantwortung.

Asoziale (Kon-)Sequenzen

kid-thing.com

Schätzungsweise 40 Sequenzen in David und Nathan Zellners Kid-Thing demonstrieren die dramatische Vereinsamung von Annie, eines vielleicht zehn-, vielleicht zwölfjährigen Mädchens, das allein mit seinem unfähigen Vater in Texas aufwächst. Der Film bebildert umfang- und facettenreich ihre heftige Einsamkeit und ihr Unvermögen,  sich diesseitig sozialer Normen zu verhalten: Im Jackass-Style sprengt Annie mit Böllern Bananen, schießt mit einem Paintballgewehr auf tote Tiere, zertrümmert mit ihrem Baseballschläger die Geburtstagstorte eines behinderten Kindes. Andere Kinder, denen sie neutral entgegenzutreten versucht, wollen geradezu intuitiv nichts mit dem blonden Mädchen mit dem BMX zu tun haben, das immer die gleichen Turnschuhe, immer die gleichen Bluejeans und immer das gleiche weiße schlabbrige T-Shirt mit dem Sonnenuntergangs-Print trägt. Sie ist allein auf dem Jahrmarkt, allein am See, läuft ziellos durch den Wald.

Dort hört sie eines Tages: Hilfeschreie. Offenbar befindet sich eine Person in einem stockfinsteren, mehrere Meter tiefen Erdloch (das kennt man doch), das sich inmitten des Waldes auftut. Annie nähert sich dem Loch, blickt skeptisch hinein, verschwindet dann allerdings ohne etwas auf die Hilferufe zu erwidern, da sie den Teufel im Loch vermutet.

Am nächsten Tag klaut sie im Provinz-Supermarkt Capri-Sonne und schmiert (liebevoll, tatsächlich?) ein Dutzend Erdnussbutter-Marmeladen-Toasts, die sie dem Etwas – der Stimme nach zu urteilen einer Frau – ins Dunkel schmeißt.  Das Lochopfer bedankt sich nachdrücklich für das Lunchpaket, fordert dann vehement seine Bergung. Doch Annie unternimmt: nichts. Nach einem nächtlichen Streit bricht der Kontakt zwischen Beiden vollständig ab. Mehrere spätere Kontaktversuche des Mädchens bleiben unbeantwortet, verhallen im runden Schwarz.

Als Gründe für Annies Vereinsamung werden in mehreren Sequenzen die absolute Beschränktheit und das Desinteresse ihres saufenden Vaters offenbar. Die tiefenpsychologische Wurzel für Annies Verhalten liegt jedoch, so spricht der Film, woanders: in der pechschwarzen Tiefe eines Erdlochs im texanischen Wald.

OT: Kid- Thing. Regie: David & Nathan Zellner, USA 2012, 83 Minuten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s