Sauber! – Jung & Schön

Es ist Krise in Frankreich und die postmoralische bürgerliche Gesellschaft ist in vier Fraktionen zerfallen:

1. Diejenigen, die sich – dank ihrer formschönen und faltenfreien Körper – für Sex bezahlen lassen könnten.
2. Die, die das auch tun.
3. Der Rest, der für Sex bezahlen müsste. Und
4. Diejenigen Lüsternen , die  noch über die dafür notwendigen finanziellen Mittel verfügen.

[Plausibel, dass Spielfilme vorzugsweise die bereitwillige, traditionell weibliche Gruppe 2 und die willige, klassisch männliche Gruppe 4 konfrontieren. Das den letzteren unliebsame Machtverhältnis durch die ungleich unattraktiveren Körper wird durch die finanzielle Transaktion umgekehrt und muss fortan neu ausgefochten werden.]

In François Ozons Jung und Schön wird die zweite Gruppe von der außergewöhnlich jungen (17) und schönen (Marine Vacth) Isabelle repräsentiert. Kürzlich im sommerlichen Familienurlaub am Strand von einem Deutschen freudlos entjungfert, beginnt sie sich daheim im herbstlichen Paris ohne offensichtlichen Grund nach Schulschluss zu prostituieren. Ihre Freier sind glänzende Stellvertreter der vierten Fraktion, oft grauhaarig, faltig, plautzig, auf Viagra. Kontakt via Internet oder SMS aufs Zweithandy, Kosten: 300€.

Die Prozedur wird für Isabelle schnell zur Routine, die gezeigten Abläufe ähneln und wiederholen sich, Transport- und Raumtrennungsmedien spiegeln das gewesene und kommende Rein-Raus: Anfahrt mit der Metro, Rolltreppe ans Tageslicht, Umkleide, Drehtür zum Hotel, optional Hotelbar zur Kontaktaufnahme; ansonsten Aufzug, Flur, Zimmertür, Sex, vielleicht Duschen, Bezahlung, Heimfahrt. Der kühle Verwertungszyklus eines Luxusgutes. Effektiv ist der Prozess, und sauber, blitzeblank die Panoramascheiben der Hotelfenster und die Marmorwaschbecken, an denen Isabelle penetriert wird, blendend weiß die gigantischen Hotelbetten.

Demgegenüber steht das stil- und liebevolle Zuhause, die finanziell und sozial gesegnete Familiensphäre Isabelles. Da ist die fürsorgliche libertäre Maman[1], die alles bezahlen kann und bezahlt, der vertraute Bruder, der lässige Stiefvater. Auch mit dem zum Geburtstag 500€-Schecks schickenden Vater „ist alles geklärt“, sie sieht ihn in den Ferien.

Natürlich kreisen die Gedanken unwillkürlich um das Warum denn dann und natürlich wird dieser Film keine Antwort geben, das wäre zu trivial; dazu Ozon:

Was die amerikanischen Kritiker an meinem Film verstört hat, ist, dass er keine Antworten gibt. Das macht ihnen große Angst. Die Amerikaner sind Kinder, sie wollen, dass es kein Mysterium gibt beim Sex. Ich soll ihnen eine Moral servieren und sie nicht mit der Geschichte alleinlassen.[2]

Doch sonst verstört nix. Nichts ist schmutzig, das unsichtbar Verunreinigte wird unablässig weggeduscht, Isabelles Gesicht bleibt indifferent, nur die Mutter ist für einen Moment bestürzt. Ästhetisierte, frisch geputzte Langeweile. Einzig in mehreren (z.T. ausversehen, gibts das?) voyeuristischen Blicken auf Isabelle (vom Bruder, vom Stiefvater) kommen wir ihr kurz nah, scheint sie manchmal verletzlich.

Schließlich gibt der Film über seine Figuren doch zwei Antworten für Isabelles Weltenwandel, die sich auch als Begründung für die Notwendigkeit seiner eigenen Existenz lesen ließen:

1. Weil sie es kann. (murmelt der Stiefvater, und widerruft, halbherzig) Und

2. Zur Überwindung ihrer Langeweile. (erklärt Isabelle dem Psychologen)

Nun denn.

[1] Eine eigenartige, bisweilen befremdliche Angewohnheit ist es, bei der Synchronisierung (insbesondere französischer Filme) Anreden französisch auszusprechen und Begrüßungsformeln französisch zu belassen. Das geschieht wohl um den nationalen Kontext permanent ins Bewusstsein der Betrachtenden zu rufen?

[1] Andreas Kilb: François Ozon im Gespräch. Das erste Mal ist immer eine Katastrophe (FAZ online, 14.11.2013). Link: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/francois-ozon-im-gespraech-das-erste-mal-ist-immer-eine-katastrophe-12664768.html.

OT: Jeune & Jolie. Regie: François Ozon, Frankreich 2013, 93 Minuten.

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