Gemeinplätze

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Einmal bekam ich zur Premiere einer Inszenierung, deren blauäugige und 18-jährige Kostümassistentin ich war, von der Regisseurin eine 1989 gedruckte Ausgabe von „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller geschenkt. Ein Taschenbuch, auf manchen Seiten mit den zugehörigen Illustrationen Joan Miròs im Vierfarbdruck versehen, dieselben dünn und matt wie die Seiten des Textkörpers. Blind, wer versucht, die Handlung in weniger Worten zusammenzufassen, als Miller selbst. Er erzählt von einem Clown und möglicherweise erzählt er von Eitelkeit, doch diese Aussage ist nicht mehr als eine vage Erinnerung von mir. Verbunden mit dem Theater – für mich persönlich zumal, thematisch ohnehin – denke ich vor diesem Buch der Taschenbücher in meinem Regal immer:

Wie armselig ist die prächtigste Ausstattung aus der Nähe. Wie klar legen sich beim Wenden und Auftrennen einer genähten Schulterkugel die Nähte zu Linien einer geometrisch-logischen Konstruktion – ganz klar in der Form und rauh an den Fingern. Wie eigenartig, zu wissen, dass man bei der Hose dieser Sängerin einen Keil einsetzen musste, bei der anderen wiederum soviel herausnehmen, dass die Taschen am Po zu nahe zusammenstünden für nähere Betrachtung. Für ihren gemeinsamen Gesang ist das von keiner Bedeutung, aus solch großer Entfernung wenigstens nicht. Trotzdem gibt es keine Illusion ohne Substanz, selten eine Inszenierung ohne irgendwelche Nähte in irgendwelcher Bekleidung: unglaublich mitanzusehen, wie klarste Sachverhalte verschwinden.  

 

Vergangenes Jahr sind die Regiearbeiten Pierre Étaix‘, der auch Clown gewesen ist und Schauspieler und noch immer lebt, digital wieder erschienen. „Pays de Cocagne“ (1969) ordnet im Jahr zuvor auf und um einen Campingplatz im Süden Frankreichs von Étaix aufgenommene Szenen. Blind, wer sie aufzählen wollte: Sie ergeben ein schönes Muster und alles, alles im Film stammt aus diesem erblickten Material – bis auf einen einführenden Sketch, in dem Étaix selbst vor einem hellblauen Hintergrund sitzt und Filmrollen schneidet, die bald beginnen, ihn anzugreifen und zu verfolgen. Jeder Text, den ich beim ersten googeln gefunden habe, ruft: Michel Gondry und bricolage. Und das liegt auch auf der Hand: Die Ungefügigkeit des Materials beschäftigt den Film, die Grobheit der Körper und Sitten gegenüber der feinen und akkuraten Lichtaufzeichnung. Selten erschien ein Lichteffekt so rührend wie der schlimme Reflex in der Brille des Teilnehmers am Gesangswettbewerb im Urlaubsgebiet, der in sehr ernst auf die Fragen zu gesellschaftlichen Themen Étaix antwortet: im Großen und im Kleinen – er ist ausgepfiffen worden für seinen Gesang aber er hat auch etwas mitzuteilen zur Frage der Sexualisierung der Gesellschaft. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll – die Reibung zwischen einem Bild und einem seiner Teile: einer Tätigkeit, eines Materials, eines Klangs sprengt die vierte Wand – ich weiß nicht, wie oft das schon festgestellt wurde. Der Film vergeht im Fluge und dreimal blind ist, wer sagen kann, was er erklärt. Aber ich erinnere mich, gehört zu haben, die Funktion einer Figur sei es, auszuhalten über den Körper hinaus und zu zeigen.

 

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