End-Zeit-Kino: Die Geschichte von Max, der aus der eigenen Selbst-Vergessenheit zurück ans Licht der Welt rückt

Als ich Mad Max (1979) – vermutlich in den Neunzigern im Abendprogramm nach 22 Uhr auf VOX – sah, war ich noch jung genug, dass diese Uhrzeit mir sehr spät erschien. So jung, dass ich eigentlich hätte schlafen sollen. Nicht bildlich hinterließ der Film mit der spröden Optik, den trivialen Charakteren und der Testosteron geladenen Action Eindruck, sondern aufgrund des ›inneren‹ Konfliktes seiner Hauptfigur.

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Australien in der nahen Zukunft – demnach wohl etwa 2010: Rockerbanden auf motorisierten Rädern beherrschen die Straßen. Sie ziehen plündernd und mordend durch die Gegend. Die Polizei stellt sich ihnen nicht minder brutal in den Weg – darunter auch Max Rockatansky, ein knallharter Polizist. In einer Verfolgungsjagd erledigt er den Chef einer gefürchteten Rockerbande, nachdem dieser aus dem Gefängnis fliehen konnte. Es dauert nur eine kurze Zeit bis die verbliebene Bande sich rächt. Dabei kommt Rockatanskys Partner durch dessen Mitschuld zu Schaden, woraufhin Rockatansky gegen den Willen seiner Vorgesetzten den Dienst quittiert und mit seiner Familie die Stadt verlässt. Wider Erwartungen trifft die noch junge Familie außerhalb der Stadt auf die berüchtigte Rockerbande. Diese erkennt den ehemaligen Polizisten und überfährt seine Frau und sein Kind. Rockatansky außer sich vor Wut – seine Frau überlebt zwar schwer verletzt, seine Tochter jedoch stirbt– schwört Rache und läuft erst einmal so richtig Amok. In einer für die amerikanischen Actionfilmen dieser Zeit typischen Gewalt-Orgie tötet er die verbliebenen Rocker und verdient sich so den Namen, der dem Film als Titel dient.

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In den darauffolgenden Jahren entstehen zwei weitere Filme Mad Max 2: The Road Warrior (1981) und Mad Max Beyond Thunderdome (1985). Die beiden Sequels lösen den Bezug zu einer möglichen Gegenwart der Echtzeit gänzlich auf und die Filmwelt verlagert sich zunehmend in ein imaginäres End-Zeit-Wüsten-Land. Eine Welt, die sowohl von Hunger und Durst als auch von dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn, also dem nackten Überleben, geprägt ist. In Etwa so wie Menschen in der Steinzeit nur mit etwa vorteilhafteren Technologien ausgestattet. Mel Gibson, damals noch oder bereits wieder ohne Vokuhila, verkörpert den in eine imaginäre Welt maskuliner Feuchträume der späten Siebziger eingebetteten Protagonisten.

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12 Jahre soll George Miller mit seinem Team an den Maschinen für den vierten Teil geschraubt haben, die in Mad Max: Fury Road die Hauptrolle einnehmen. Bildgewaltig werden sie dabei in Szene gesetzt. Bildgewalt ist aber auch das, was die nicht vorhandene Entwicklung der Charaktere im Keim erstickt und zugleich ebenso wenig über die dürftige Handlung hinweg trösten kann. 12 Jahre, das hat mir der Kinovorführer nach der Filmvorführung erzählt, nicht ohne seine Bewunderung für diese Zeitspanne auszudrücken. Solange hat es gedauert bis der Film über die Leinwand stolpern durfte. Zunächst sollte der Film wieder mit Mel Gibson in der Hauptrolle besetzt werden, der wollte aber aus irgend einem Grund dann doch nicht – zu alt, oder so. Außerdem noch Schwierigkeiten mit der Drehgenehmigung in Namibia. 12 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Für einen Geist, der mit Hilfe der großen Studios – wer kennt sie nicht alle – jedes Jahr nicht einen, viel eher zwei oder drei Mega-Blockbuster im Michael Bayman-Style aus der Tonne der Produktionsmaschinerie kloppt, ist das nicht gefühlte, sondern gelebte Ewigkeit.

Das ein echter Action-Blockbuster keine richtige Story braucht, auf Charakterentwicklung verzichten und sich urplötzliche Twists in der Dramaturgie erlauben kann, weiß jeder, der sich von der inhaltlichen Tiefe von Filmen á la Pacific Rim (2013, Guillermo del Toro) oder Elysium (2013 – Neill Blomkamp) überzeugen durfte. Aber ehrlich, wer freiwillig ins Nichtschwimmer-Becken geht, der will plantschen und nicht schwimmen.

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Die Handlung von Mad Max: Fury Road lässt sich daher mit der einfachen Quintessenz von: Sie fahren in die eine Richtung, dann fahren sie wieder zurück; fassen und beschreiben. Dabei gelingt es dem Film, neben der Produktion von endloser, mit der Zeit ermüdenden Actionszenen, durchaus einige kurze Momente kreativer Ekstase hervorzurufen. Etwa durch das Set-Design, in Form der äußerst detailreich gestalteten Fahrzeuge oder den verschrobenen Gestalten. Dazu zählen unter anderem Milch-spendende-Vollweiber sowie der Rest der Horde, die sich um den Ober-Bösewicht des Filmes versammelt. Seine Ambitionen zu einem Trash-Kult-Werk – mit skurrilen Charakteren und bescheuerten Dialogen – verfolgt der Film allerdings nicht weiter. Das entspräche im Rahmen des Produktions-Klischees auch nicht der Logik. Stattdessen frönt er dem Kitsch und dem ewig gleichem. Warner Brothers sei dank.

Fast schon Schade, dass so ein Film nicht den Anspruch hat sein eigenes Potential auszuschöpfen. Am Ende haucht Tom Hardy – wohl nicht seine Rolle mit dem meisten Text, man denke da noch an No Turning Back (2013, Steven Knight) – den Namen seiner Figur in das Ohr von Charlize Theron: »Max, my name is Max«. Damit wäre auch längst alles gesagt. Denn solche Filme funktionieren bekanntlich nicht über das Sprechen, sondern über das Bebildern. Es sind Potentiale imaginärer Männlichkeit, die sich entweder von der halb-gar inszenierten Spannung mitreißen lässt – wer stirbt wann und wo, egal, Hauptsache ich mitten drin. Oder aber sich das Lachen nicht verkneifen kann und will. Alle anderen bleiben sowieso draußen oder langweilen sich zu Tode.

Mad Max: Fury Road liest sich damit wie ein plötzlich aufgetauchtes, anachronistisches Zeichen einer längst überholten Vorstellung von Endzeit, das sich wie so einiges aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit in das neue Jahrhundert geschlichen hat und scheinbar hartnäckig hält.

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Von George Miller stammt übrigens auch Ein Schweinchen namens Babe. Miller drehte den Film 1995, knapp 10 Jahre nach dem dritten Teil seiner Mad Max Triologie. Eine Triologie, die – wie bekanntlich manch andere – es scheinbar nicht ertragen konnte im letzten Jahrtausend zu enden.  An dieser Stelle sei noch das Urteil eines echten Action-Film-Fans zu erwähnen:

„This is, without the doubt, THE action movie of the year, THE action movie of the decade and possibly, the best action movie I will ever see because it has it all. It is 99% action and yet, it has heart, it has characters, it has strength, it has beauty, it has great performances and even though it’s weakest points are the breeders, it doesn’t really matter.“

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