Repulsion – Ein Hasenopfer für Lacan

Repost vom 10.03.2010, verschollen und wieder gefunden auf MOVIE BLOGS

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Ein überdimensionales Auge schaut in eine Kamera. Über die Iris laufen Namen. Namen von Männern größtenteils, die sogleich unter den Lidern verschwinden. Schon im Vorspann wird man Betrachter eines Vorspiels von Einschreibungen, wird man Zeuge der Männergewalt des Filmes, des Apparates, der sich um eine zierliche Catherine Deneuve aufbaut. Gerade liest man noch den Namen ihrer Maskenbildnerin, die ihr verstärkend zur Seite gestellt wurde, als die Kamera ablässt vom Objekt ihrer (seiner) Begierde und es als Makeup-Girl einer Beautyfarm entblößt. Polanski braucht nur zwei weitere Bilder, um den Riss in Ihr, Carol, Catherine, der Maskenbildnerin und der Frau im Allgemeinen zu offenbaren. Eine junge Mädchenhand die reglos eine alte geäderte Damenhand hält, welche schlaff, beinah leblos ins Bild hängt und schließlich ein Frauengesicht, mit einer Beautymasse gekittet, trocken und rissig wie eine Totenmaske.

repulsion deneuve 2Close. Im leeren Blick der Carol liest man nun Fassungslosigkeit, Verzweiflung und Ohnmacht, liest man Erkenntnis des Subjektes, das sich als zutiefst zugerichtet, ja als Objekt fremder, eben männlicher Interessen erkennen muss, während es sich selbst im Prozess einer endlosen Reproduktion dieser Zurichtung erfährt. „Someday I have to get this crack mended.“ Revlon Fire and Ice. Make up und Masken. Mann und Frau. Lust und Angst. Entrückt ins Leere, schwebt sie zwischen diesen Polen und oszilliert als Unbekannte im definierten Raum. So naiv wie blond, so unschuldig wie sie weiß ist. Sie ist eine flüchtige Hülle, eine Lichtgestalt, ein Fliegengewicht, nur ein schemenhafter Umriss und nur erkennbar durch das was sie umgibt. Ein Relief, eine plastische Darstellung aus einem Hintergrund heraus. Das Weiße im Schwarzen. Reinheit, weil alles abperlt wie Tinte auf Glas.

big_1409269328_1382464895_imageClosed. Wenn sie sich den Blicken entzieht, sich den Riten der Überzeichnung verweigert, ist die Leere alles was ihr bleibt. Nichts darf mehr eindringen. Weder Luft noch Licht darf den Raum, den sie bezieht – belebt – durchfluten. Die flüchtigen Zeichen, die eine gläserne Hülle wie sie setzen kann, weichen dem kleinsten vorgedachten Hauch, weichem dem männlichen Blick auf die Dinge. Hinter verschlossenen Türen sitzt sie in dunklen Ecken, empfindlich wie Fotomaterial. Carol das gläserne Medium verteidigt die Leere. Die Unbekannte definiert den Raum um sich neu, verkehrt Zeichen. „Poor Bunny“ verwest, geköpft von einem Rasiermesser, im Wohnzimmer. Die Flüchtigkeit, der Versuch dessen was übrig bleibt, wenn man das Nichtmannsein abzieht vom Wesen der Frau, ist fragil. Die Konsequenz ist der Überlebenstrieb des aufkeimenden Seins, ist die Totalität in der Verweigerung des Bekannten, der absolute Ausschluss der Umwelt. Verstummen. Verhungern. Verenden. Verwesen.

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Cloister. Jenes fragile Interieur, mit dem die Frau ihren Wesensraum auszustatten vermag, wenn sie sich dem Zugriff des Mannes, dem Zurückweisen ins Häusliche entzieht, bedarf einem entsprechenden Bild. Wenn der Wall des Ekels überrannt, die Festung aus Dunkelheit, Nässe, Moder und Aas gestürmt werden kann, wenn die unschuldige Jungfrau noch immer ihres Drachens beraubt werden kann, muss sie sich gänzlich in einen anderen Schutz begeben. Hinein in einen Raum der nicht mehr leer ist, in den Raum, der Leere war, bevor sie zu dem wurde, in dem die Frau Schutz finden kann. Kein männlicher Gedanke kann denken, was sich hinter diesen Mauern verbirgt, keine Kamera kann einfangen, ablichten, benennen und heraustrennen was sich dort abspielt.

Repulsion-1965-Catherine-Deneuve-Roman-Polanski-John-Fraser-Ian-Hendry-Yyvonne-Furneux-On-Set-2Pain Relief, von Qualen erlöst. Unter den Kunstgriffen eines Mannes, eines Regisseurs ist die Nichtexistenz der Frau eben auch die Nichtexistenz der Frau im Film. Die Wahl ihrer Zeichen fällt immer auf seine Zeichen. Sie spricht ihn und sie handelt ihn. La femme n’existe pas. Die Frau ist und bleibt Lichtgestalt, immer mehr Bildträger, als Bild selbst. Sie ist eben Negativ, Nichtmann, Transparenz, Weiß, erkennbar im Bild nur da, wo Material nicht ist. Ein leerer Blick, der ins Leere schaut.

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