Trau Dich!

Wer schon einmal auf einem Zehn-Meter-Turm stand, weiß, wie sich die Protagonisten in „Hopptornet“ fühlen. Menschen unterschiedlichster Art sagten einem Experiment zu und steigen nacheinander auf einem Sprungturm – meistens allein, manchmal in Begleitung von Freundin oder Kumpel. Wenn sie dann alle von zehn Metern Höhe auf die Welt schauen, ändert sich ihre Perspektive gewaltig. Angesichts der Entscheidung zu springen oder nicht, sind plötzlich alle gleich: zwölfjährige Mädchen, pubertierende Jungs, reife Frauen, Liebespaare. Axel Danielson und Maximilien Van Aertryck drehten mit ihren Probanden einen kleinen Episodenfilm, der ein einziges Narrativ variiert: den Turm bezwingen und springen oder auch den Stolz besiegen und Mut haben, wieder abzusteigen.

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Solche Zwiespälte illustrieren die Regisseure mit Split-Screens. Links ringen auf dem Sprungturm die Darsteller mit ihrer Höhenangst, rechts schwappt mit jedem neuen Sprung eine Welle der Empathie in den Kinoraum und spült Vorurteile weg. Und so ganz nebenbei gibt die Story dem Jump-Cut eine völlig neue Bedeutung. Das ist alles sehr clever – clever, weil es simpel ist.

Auch ästhetisch ist“Hopptornet“ einfach. Der Bildaufbau ist zentral, manchmal symmetrisch. Um die potentiellen Springer herum sind Mikrofone mit Gaffa an Geländer geklebt, die Kamera steht irgendwo vis-a-vis auf einer Zuschauertribüne oder ähnlichem, ab und zu hängt sie mal unter Wasser. Beinahe wissenschaftlich ist die Dokumentation, und mit ihrem Versuchsaufbau prüfen Danielson und Van Aertryck nicht nur das Verhalten ihrer Probanden, sondern auch, was ein Film tatsächlich braucht.

Es ist, als wolle der Film sagen: „Schau her, so einfach ist es, einen guten Film zu machen. Trau dich!“, Filmemacher müssen nur den Sprung ins kalte Wasser wagen und loslegen. Wer kein Sujet hat, suche sich eines. Technik? Bitte nicht mehr als nötig. Konzept? Kommt von allein. Doch Ermutigung und Ernüchterung liegen hier nah beieinander, denn „Hopptornet“ lebt auch vom Scheitern: Nicht alle springen. Nicht jede Episode hat ein Happy End, so wie auch nicht jeder kurze Film gelingt.

Dieser Film schon, denn er ist vor allem auch ein Film über Konsequenz. „Hopptornet“ ist dank seines Minimalismus ein kleines Haiku über die Möglichkeiten der Menschen geworden. Deshalb ragt er weit mehr als zehn Meter heraus aus einer großen Menge ambitionierter Projekte, die bei allem hymnischen Abfeiern der bloßen Chance oft vergessen, dass es nicht immer gleich Pulitzer sein muss. Die Leute müssen sich abkühlen, viel öfter wieder an kleine Ideen glauben. Einfach anfangen, im doppelten Wortsinn.

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