Munter brummt der Choralkreisel – Broken Circle

I  1913 patentierte die mittelfränkische Firma Lorenz Bolz die Drillstange. Das bedeutete das Ende des klassischen Schnurrkreisels, war doch damit die Grundlage für den Brummkreisel erfunden. Mit einem leichten Druck auf die Oberseite des Brummkreisels beschleunigt man seinen Lauf. Dort, wo der Körper des Kreisels am größten ist, sind kleine Löcher eingelassen, an denen Metallzungen angebracht sind. Je schneller sich das Spielzeug dreht, desto lautere und höhere Klänge erzeugt der Luftstrom. Nicht mehr fern lag da die Idee, mit verschiedenen Stimmzungen Melodien zu erzeugen; 1937 erfand Bolz den Choralkreisel, der seitdem einfache Kinderlieder zum Klingen bringt. Obschon die Kreisel oft schönste Muster schmücken, die wahren Attraktionen sind die in ihrer Geschwindigkeit variablen Melodien, das mag kaum ein Kind bestreiten.

II  Musik schwingt das Zepter im Film, wenn Worte versagen, wenn Mimik und Gestik verzagen, wenn Bilder nicht tragen, anscheinend nicht genügen, und das ist oft. Dann degradieren Melodien Bilder zu Nebendarstellern. Nur eine Handvoll Saiteninstrumente und leidenschaftlicher Gesang beispielsweise sind spielerisch imstande, Trost zu spenden, Trauer zu vermitteln und Hoffnung zu schenken; um im nächsten Atemzug wahre Glückseligkeit zu vertonen oder bedeutungsschwer in Erinnerungen zu schwelgen. Bebende Lippen und  tränenglänzende Augen der Singenden sind in jenen Momenten Verstärker der Musik statt umgekehrt. So tauchen die Lieder der Bluegrass-Band des bärtigen Flamen Didier – oft im Duett mit der kräftigen Beleuchtung – The Broken Circle Breakdown[1] immerfort wechselnd in die verschiedensten Stimmungsfarben. Zuweilen übermalen die Akkorde das Geschehen wie Didiers Flamme Elise im Weltschmerze ihre Körperbemalungen. Kaum ein klarer Ton auf dem filmischen Gefühls-Xylophon bleibt ungespielt – einige Emotionen werden gar mit dem Dampfhammer angeschlagen – während wir im Takt sprechende Menschen sehen, deren Stimmen unhörbar bleiben und die finstere, unerklärliche Wucht des Schicksals[2] eine Familie und eine traumhafte Liebe dahinzuraffen droht.

III  „Dieses unsichtbare Gas“ sinnierte DJ Koze jüngst über diese einzige universelle Sprache, die selbst aus Brummkreiseln wie aus Filmrollen klingt, „das sich ausbreitet und die Herzen bewegen, den Geist betören und die Hüften bewegen kann“, dieses Gas würde uns spüren lassen, das wir leben.

OT: The Broken Circle Breakdown. Regie: Felix van Groeningen. Belgien, Niederlande 2012, 100 Minuten.


[1] Auf der Berlinale noch unter diesem Titel firmierend, kam er nun als The Broken Circle in die deutschen Kinos. Wie heutige Trailer, die von Vinzenz Hediger sobenannten Zweidritteltrailer, werden im deutschen Titel zwar Exposition (es gibt einen Kreis) und Konfrontation (der zerbrochen ist) benannt, die Auflösung (im doppelten Sinne) bleibt aber unausgesprochen. Der drastische Zusammenbruch kommt dennoch.

[2] Mindestens ebenso beschissen bitter wie in Felix van Groeningens letztem Film mit dem wunderbaren Namen Die Beschissenheit der Dinge.

The Broken Circle Breakdown

Broken Circle

Eine Gruppe von Musikern steht dicht – im Halbkreis – um ein Mikrophon gedrängt auf der Bühne eines belgischen Pubs. Die Band ist in warmes Licht getaucht und singt: „Will the circle be unbroken. By and by, Lord, by and by. There‘s a better home a-waiting. In the sky, Lord, in the sky.“ Dieser Song über den Kreislauf des Lebens lässt erahnen was für einen Film er einleitet. Einen Film vom Leben, vom Sterben und den Momenten dazwischen.

Didie (Johan Heldenbergh) ist Sänger und Banjospieler der Bluegrass Band. Er lebt für die Musik, frei wie ein Cowboy. Mit seinem Hut, den längeren Haaren und dem Bart, wirkt er wie ein „harter Kerl“ der die Natur liebt und keinen Luxus braucht. Und tatsächlich wohnt er auf dem Land in einem Wohnwagen auf einem alten Hof.

Wärend seinen Bandabenden lernt er die Tätowiererin Elise (Veerle Baetens) kennen. Sie ist übersät mit Tattoos, durch die sie ihre Geschichte auf ihrem schönen Körper erzählt. Eine Liebe beginnt, vor der Kulisse einer romantischen Landhaus-Idylle. Jedoch wird Elise während des unbeschwerten Lebens im Wohnwagen schwanger. Kurzerhand renoviert Didie das alte Bauernhaus und die beiden ziehen mit ihrer Tochter Maybelle (Nell Cattrysse) dort ein.

Aber „dieses Leben ist zu schön, um wahr zu sein“, wie Elise selbst bemerkt. Der Kreislauf des Lebens beginnt zu brechen, ihre kleine Tochter erkrankt an Krebs. Trotz dieses schweren Schicksalsschlags versuchen die drei das fröhliche Leben weiter zu führen auch wenn das Thema Tod nun Einzug in den Lauf der Dinge erhält. Didie, der nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt versucht eines Tages seiner Tochter zu erklären, was mit der Amsel, die gegen ihre Glasveranda geflogen ist, passiert. In seinen Augen ist diese nun gestorben und kann nun auf den Kompost geworfen werden, denn der Tod ist für ihn das Ende. Aber was macht man, wenn man einem Kind den Tod erklären soll noch dazu, wenn das Kind an Krebs erkrankt ist. „Man kann ja nicht einfach sagen, dass sie weg ist und nie wieder kommen wird.“ Viele Themen des Films finden sich in dieser Szene wieder: Wie erklärt man seinem Kind den Tod? Was macht man, wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, die Tochter aber Krebs hat? Wie geht man damit um, wenn die eigene Frau an Dinge glaubt, die man selbst nicht versteht?

Der Film erzählt eine Geschichte von leidenschaftlicher Liebe, Leben und Krebs. Trotz dieser Themen handelt es sich hier um keinen kitschig-sentimentalen Film. Durch Rückblenden und Vorschauen gelingt es dem Regisseur fröhliche Momente mit traurigen zu verbinden und Humor mit einzuflechten. Die Musik der Bluegrass Band begleitet diese Geschichtsstränge und unterstützt sie – nicht zufällig sind die beiden Hauptdarsteller ebenfalls Sänger. Felix van Groeningen erzählt eine traurige Geschichte, mit vielen fröhlichen Momenten und darauf feinfühlig abgestimmter Musik.

OT: “Broken Circle Breakdown”. Regie: Felix van Groeningen. Belgien, Niederlande 2012, 100 Minuten.