Der Gott des Exzesses

Leo feiert eine Party - © 2014 Universal Studios

Leo feiert eine Party – © 2014 Universal Studios

„Sie suchen einen Job? Bei unbedingtem Willen zum Erfolg können Sie bei uns garantiert bis zu 72.000 Dollar im Monat verdienen!“

Kein klar denkender Mensch würde sich auf so eine Annonce melden, aber als Donnie Azoff Anfang der 90er Jahre sich von dem Börsenmakler Jordan Belfort, Spitzname THE WOLF OF WALL STREET, seinen Gehaltsscheck zeigen lässt, auf dem genau diese Summe vermerkt ist, kündigt er ohne Überlegung seinen Job und gründet mit ihm eine Firma. Belforts Mitarbeiter beten ihren unkonventionellen Chef, der auch mal mit einem Affen durchs Büro läuft, an wie den Messias selbst. Jordan Belfort ist der Gott des Exzesses. Er feiert wilde Orgien im Großraumbüro oder wahlweise in der Flugzeugkabine. Und ohne Drogen geht er gar nicht erst aus dem Haus. Es ist ihm egal, welchen „Kunden“ er wieviel Geld abknöpft, solange dieses Geld auf seinem Konto landet. Seine Haltung wird durch die zahlreichen inneren Monologe noch zusätzlich verstärkt.

Außerdem schaut Hauptdarsteller Leonardo diCaprio immer wieder direkt in die Kamera. Zunächst wirkt das störend, da es den Erzählfluss zu unterbrechen scheint. Regisseur Martin Scorsese gelingt damit aber ein narrativer Coup, denn dadurch verknüpft er Belforts Haltung mit seiner eigenen. Die Kamera ist in diesen Einstellungen stets auf Augenhöhe, daher sollte man meinen, dass Belfort den Zuschauer als gleichberechtigten Partner ansieht. Entgegen dieser Erwartung prahlt er aber von seinem tollen Leben und unterstellt dem Publikum in herablassender Art und Weise von den ganzen Börsengeschichten eh nichts zu verstehen. Der Zuschauer wird so selbst zum Opfer, zum „Kunden“ von Belfort. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Auch Scorsese weiß das. „Ihr wollt Brot und Spiele? Ihr BEKOMMT Brot und Spiele!“ scheint die unterschwellige Botschaft des Films zu sein. Und so zeigt er den unteren 99% wie das obere eine Prozent so lebt und feiert.

Aber jeder Erfolg hat auch seinen Preis, selbst wenn man soviel Geld zur Verfügung hat um sich alles und jeden zu kaufen. Belfort zerstört sämtliche Beziehungen in seinem Umfeld und verfällt zunehmens den Drogen. Spätestens als er seine Broker als „Killer“ und „Armee von Telefon-Terroristen“ bezeichnet, bekommt man es mit der Angst zu tun. Belfort ist nicht der Heilsbringer, er ist Ikarus – derjenige, der zu nahe an die Sonne flog. Scorsese zeigt beide Fassetten: den begabten Verkäufer, der seine Talente einzusetzen weiß, und das selbstgefällige Arschloch, das sich um nichts und niemanden schert. Damit gelingt ihm ein starkes Portrait, in welchem er die beiden Extreme in humorvoller Weise miteinander verknüpft. Und so hat der Zuschauer auch kein Mitleid als der völlig zugedröhnte Belfort auf seinen weißen Lamborghini zurobbt, trotzdem ist einem die schillernde Figur auch nicht völlig egal.

Am Ende bleibt die Frage offen, ob es das alles wert war und ob man gerne mit Belfort tauschen würde. Das ist aber eine Frage, auf die der Zuschauer selbst eine Antwort finden muss.

Die Autorin verfasst regelmäßig Filmkritiken unter http://www.filmkompass.wordpress.com.

Das Leben ist eine einzige Party.

Solch eine abgedroschene Lebensweisheit sollte sich nicht unbedingt zu Herzen genommen werden, Baz Luhrmann tut dies jedoch in seinem neuen Film: Der Große Gatsby. Mit der Weisheit: Weniger ist mehr, nimmt er es jedoch nicht so genau. Der Film glitzert, schillert, leuchtet; farbenfroh, laut, gewaltig und in 3D. Und auch wenn er nur zweidimensional gesehen wird, fallen die vielen, extra für die moderne 3D-Technik gestalteten Bilder auf. Der Vor- und Abspann, die sich auf einen zubewegenden, wegschwebenden Rechtecke, der Blick an Leonardo DiCaprio vorbei auf die überzeichnete, digital erzeugte, künstliche Bucht, die fallenden Hemden, das glitzernde Konfetti. Und nicht nur die Kulisse ist künstlich überzeichnet, auch bei den Kostümen und Darstellern wurde sich viel Mühe gegeben, alles natürliche in den Hintergrund zu drängen. Die Tatsache, dass Carey Mulligan vor lauter Tiffany-Diamanten selbst fast nichtmehr zum strahlen kommt ist hier nur ein Nebeneffekt.

gatsby© WARNER BROS

Nicht nur die Juwelier-Kette verdient gut an dem opulenten Aufgebot, auch Prada, Miu Miu oder Jay-Z haben mitgemischt. Und so ergibt sich ein fulminantes, bis zum Ende vollgepacktes Werk, von dem der Zuschauer in den Kinositz gedrückt wird. Staunend und sprachlos – ob mit positiven oder negativen Gedanken, muss jeder für sich selbst entscheiden.

OT: The Great Gatsby. Regie: Baz Luhrmann. USA 2013,  142 min.